Dr. Winfried Rathke
Schneewittchen – die satirische Kurzfassung
Es war mal eine Königin,
die hatte schon ein Doppelkinn,
der Lack war ab, die Zähne weg.
an Hüften hing ein Wulst aus Speck,
an ihren Händen saßen Krallen,
der Busen war ganz eingefallen,
die Ohren schlapp und schief das Maul,
der Hintern wie beim Ackergaul.
Und trotzdem, welch ein Phänomen,
hielt sie sich echt für fotogen
und dacht vorm Spieglein an der Wand
sie sei die Schönste in dem Land.
Das war sie aber wirklich nicht,
sondern der helle Wahnsinn schlicht.
Denn das Schneewittchen war viel schöner
rühmten selbst Türken vor dem Döner.
Und die Romantik machte sie
schon damals zur Miss Germany.
Das hat die Königin gekränkt,
viel schlimmer, als man leichthin denkt.
Sie wollt daher Schneewittchen schlachten
und bös nach ihrem Leben trachten.
Das war ein hundsgemeiner Zug
und obendrein auch nicht sehr klug.
Man soll nämlich den Nächsten lieben,
auch wenn das manchmal übertrieben.
Schneewittchen flüchtete zu Zwergen
tief hinter den verschneiten Bergen,
und bat sie, da es draußen kühl,
um Einlass, Nahrung und Asyl.
Sie putzte ihnen Hof und Haus,
nähte, kochte, ging nie aus.
Und hatte sie am Abend frei,
schlief sie den 7 Zwergen bei.
So lebten sie weit abgeschieden
fröhlich und im tiefsten Frieden.
Doch hielt’s die Königin vonnöten,
Schneewittchen trotzdem noch zu töten,
nur weil sie deren Schönheit hasste,
die ihr aus Eifersucht nicht passte.
Drum suchte sie die Zwerge auf,
nach langer Fahrt bergab, bergauf,
drang in das kleine Freuden-Haus
mit Wutgeschrei, es war ein Graus.
Erst zwängte sie Schneewittchen rein
in ein Korsett, das viel zu klein,
sodass sie fast darin erstickte.
Die Lage war eine verzwickte.
Sie kämmte nun Schneewittchen stramm
mit einem giftgetränkten Kamm
und schenkte ihr, die ganz verblüfft,
auch einen Apfel voller Gift,
goß dann in ihren Wein Glykol,
und sagte bösartig: Zum Wohl !
Schneewittchen wurd es furchtbar schlecht,
ihr Kreislauf war enorm geschwächt.
Dann fiel sie auch noch scheintot um,
und kam in einen Sarg, – wie dumm.
Der Sarg war durchsichtig, aus Glas,
das machte selbst den Zwergen Spaß.
Nachdem sie totenähnlich tief
im Sarg fast hundert Jahre schlief,
passierte eine Sensation,
denn plötzlich kam ein Königssohn,
der hat sich ihrer gleich erbarmt,
sie wachgeküsst, geknutscht, umarmt.
Schneewittchen schlug unter Geschnauf
zunächst die Hühneraugen auf.
Sie öffnete den süßen Mund,
der rund war, wie ein kleiner Spund,
und spuckte erstmal das Glykol
hinaus, auf das Geratewohl,
und gleich danach den Apfel aus,
zog aus dem Haar den Kamm heraus,
riß sich auch das Korsett vom Leib
und – wurd ein wunderschönes Weib.
Zwei Stunden später war sie schon
vermählt mit ihrem Königssohn.
Die sieben Zwerge waren baff,
aber schon deutlich altersschlaff.
Sie klapperten, wie wir heut wissen,
vor Aufregung mit den Gebissen.
Ganz schlimm erging es daraufhin
der bitterbösen Königin.
Die Mörderin musste den ganzen
Tag dann in Pantoffeln tanzen,
die glühend waren und aus Eisen,
was schmerzhaft ist, bekannterweisen.
Die Füße waren rasch verkohlt,
dann hat der Teufel sie geholt.
Schneewittchen sprach, wie ja bekannt
dann zu dem Spieglein an der Wand:
„Wer hat mir all mein Mittagessen,
aus meinem Tellerchen gefressen ?
Wer hat mir Leibchen angezogen,
die mir den Brustkasten verbogen ?
Wer hat, als ich narkotisiert
mir meine Achseln epiliert ?
Wer hat mir so versifft das Haar,
was für die Läuse schrecklich war ?
Wer hat mir meine Brust verkleinert
und meinen Gallengang versteinert ?
Wer hat mit Äpfeln mich vergiftet
und niemals meinen Sarg gelüftet ?
Dann hat sie schallend laut gelacht,
und feierte die Hochzeitsnacht.
Schneewittchen ist seitdem im Land
mit Barbie-Puppen eng verwandt,
trägt heute eine hübsche Bluse
aus dem Schrank von Käthe Kruse,
sitzt auch oft im Jugendstil
in einem Kasten Playmobil.
Man freut sich, wenn das Gute siegt
und niemand mehr das Gruseln kriegt.
Noch als Greis, bei jedem Schrittchen,
denk ich oft an das Wittchen.
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