Der Heilige Hieronymus

Dr. Winfried Rathke

Der Heilige Hieronymus – 3

 

Hieronymus saß im Gehäus‘

und dachte sich: „Was gibt es Neu’s?“

Da brüllte es des nachts um Vier

Ein Löwe stand vor seiner Tür.

 

„Was willst Du?“ sprach gleich voll Verdruss

zum Raubtier der Hieronymus.

„ich übersetze schwitzend grad

die Bibel hier, höchst akkurat,

die, wie man sie auch immer dreht,

im Abendland kein Mensch versteht,

weil sie teils griechisch abgefasst,

was den Lateinern gar nicht passt,

teils, wie Du weißt auf aramäisch,

was leider außereuropäisch.

Mein Kopf, der dröhnt mir, wie Du hörst,

also verschwinde, denn Du störst!“

 

Da sprach der Löwe: „Ach, verzeih,

ich stör zwar Deine Schreiberei,

es klingt wahrscheinlich ganz abstrus,

doch – ich hab‘ einen Dorn im Fuß.

Der tut mir ganz entsetzlich weh,

auch wenn ich in die Kirche geh.

 

Ich war beim Hausarzt schon heut Nacht,

doch der hat mir nicht aufgemacht.

Ich weiß von vielen kranken Schafen,

dass Mediziner sehr fest schlafen.

Drum eilte ich ins Krankenhaus,

auch dort warf man mich gleich hinaus

und hat mich damit abgetan,

ich sei als Löwe nicht „human“,

und hätte ferner obendrein

nicht mal ‘nen Überweisungsschein.“

 

Hieronymus, vor der Vulgata,

erschien der Löwe desolat da

und dachte für sich: „Groll,was hegst’n?

Es heißt doch: Liebe Deinen Nächsten“,

erinnerte sich deutlich wieder

ans Gleichnis mit dem Samariter

und Jesus, der den Lahmen heilte,

woran er übersetzend feilte.

Hieronymus vor der Vulgata

So rieb er sich nervös die Glatze

und sagte: „Zeig mir mal die Tatze.“

Tatsächlich steckte ganz rechts vorn

im großen Zeh ein langer Dorn.

Hieronymus der pinselte,

dieweil der Löwe winselte,

die Tatze rundherum mit Jod,

entfernte daraus dann devot

Rollsplitt, kleinste Schottersteinchen,

die sich leicht eintreten in Beinchen,

zog nun – den Dorn raus mit der Hand

und machte einen Notverband.

Er impfte ihm den Schwanz zum Schluss

gegen Mumps und Tetanus.

Dann sprach zum Löwen er gelassen:

„Du bist hiermit geheilt entlassen!“

Der Löwe schüttelte den Pelz

und jauchzte glücklich: „Gott vergelt’s!“

 

Der Kirchenvater hat geschnauft,

den Löwen aber noch getauft.

Der hat nie mehr ein Gnu getötet,

sondern gefastet und gebetet.

Worauf Du nie gekommen wärste:

Er hieß fortan „Leo der Erste.“

 

Der Löwe, weil geheilt die Füß er,

schenkte Hieronymus, dem Büßer,

aus Dankbarkeit und ganz spontan

ein kleines Sträußchen Löwenzahn.

Noch heute ist Hieronymus

des Löwen liebster Intimus.

Sie schlafen oft im gleichen Haus

und ruhen sich zusammen aus.

Leon Gerome: Hieronymus (Städelmuseum)

Dr. Winfried Rathke

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