12.7.-27.10.13 Paper Weight

12.7.-27.10.13 Paper Weight

Gentlewoman12.7.-27.10.13 Paper Weight Stilbildende Magazine von 2000 bis heute. Haus der Kunst
Mit der Präsentation von „Paper Weight – Stilbildende Magazine von 2000 bis heute“ ermöglicht das Haus der Kunst einen frischen Blick auf unabhängiges Publizieren im 21. Jahrhundert. Kuratiert von Felix Burrichter, Herausgeber und Creative Director des in New York ansässigen Magazins „PIN-UP“, bietet „Paper Weight“ die Perspektive eines Insiders auf die Welt des unabhängigen Veröffentlichens. Gleichzeitig untersucht die Ausstellung die umfassende kulturelle Bedeutung redaktioneller und gestalterischer Perspektiven von bestimmten Nischenmagazinen.
Kernstück der Präsentation sind 15 Magazine, die in den vergangenen 13 Jahren gegründet wurden – jedes von ihnen ein Vorreiter der breiteren kulturellen und redaktionellen Veränderungen im Verlegen spezialisierter Zeitschriften. „032c“, „Apartamento“, „Bidoun“, „BUTT“, „Candy“, „Encens“, „EY! Magateen“, „Fantastic Man“, „Girls Like Us“, „Picnic“, „PIN-UP“, „Sang Bleu“, „The Gentlewoman“, „Toilet Paper“ und „White Zinfandel“ wurden eingeladen, ihre Ideen und Herangehensweisen vorzustellen. „Paper Weight“ stellt von jedem Magazin eine überdimensionale Doppelseite vor, die aufgeschlagen im Raum steht. Diese Doppelseite entspricht nicht 1:1 einer Doppelseite im Magazin, sondern wird eigens für die Präsentation zusammengestellt. Begleitende Texte informieren über den jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt des Magazins, über Erscheinungsweise und Entstehungsgeschichte.


Mit der steigenden Bedeutung digitaler Medien wurde der Untergang der Printmedien unzählige Male vorhergesagt. Dabei wird vernachlässigt, dass regelmäßig neue Magazine an den Start gehen. „Der zunehmende Einfluss digitaler Medien fördert auch eine gegenläufige Entwicklung: die stark konzeptuelle, eigensinnige und handwerklich hochwertige Gestaltung von spezialisierten Magazinen“, kommentiert der Direktor des Haus der Kunst, Okwui Enwezor, diese Entwicklung. Oft getragen von der Vision – und den Obsessionen – einer starken Persönlichkeit, haben die hier ausgewählten Magazine ein breites Spektrum an Themen wie Architektur, Kunst, Design, Sex, Mode, Essen und Kulturpolitik. Statt die sichtbaren Bedürfnisse eines vorhandenen Markts zu bedienen, zielen sie darauf, die Erwartungen einer neuen, unvorhergesehenen Zielleserschaft zu übertreffen.
„Paper Weight“ beschäftigt sich mit den kulturellen Phänomenen, die diese Magazine in die öffentliche Debatte einbringen. Als stilbildend bezeichnet Ausstellungskurator Felix Burrichter ein Magazin dann, „wenn es als Bindeglied für eine Leserschaft fungiert, die sich erst über das Magazin definiert.“ Ein Beispiel hierfür ist BUTT, das 2001 als Antwort auf die zunehmend kommerziell geprägte Schwulenkultur herauskam, und zu dieser Vereinnahmung durch den Mainstream einen Gegenakzent setzen wollte. Der durchschlagende Erfolg des Magazins ließ sich bald an diversen Nachfolger-Modellen und Variationen ablesen, die ihrerseits dazu führten, dass BUTT selbst seit 2011 ausschließlich online erscheint.
Alle für „Paper Weight“ ausgewählten Magazine sind unabhängig, d.h. gehören keiner großen Verlagsgruppe an. Das amerikanische Magazin „White Zinfandel“ (seit 2011), benannt nach einem halb trockenen Rosé, z.B. kreist um die Themen Essen/Trinken und Kunst, wobei Essen/Trinken lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner bildet, den die behandelten Schwerpunkte als Aufhänger haben. Das italienisch-amerikanische „Toilet Paper“ steht in der Tradition von Andy Warhols „Interview“ und anderen Magazinen, die von Künstlern gegründet wurden; es ist Ventil für die überbordende Fantasie von Maurizio Cattelan und dem Fotografen Pierpaldo Ferrari. „Sang Bleu“ (Schweiz, seit 2005) bewegt sich an der Grenze von Magazin und Künstlerbuch und kreist um die Obsession mit Tattoos. „Picnic“ (seit 2006) ist textfrei und würdigt die Arbeiten von Künstlern aus Israel und dem Nahen Osten. „Fantastic Man“ steht für die Engführung der Themen Mann, Mode und Charakter. Mit ihrem eigenständigen Urteil heben sich die Beiträge über Persönlichkeiten aus urbanem Berufsleben von geschmacklicher Konformität deutlich ab. „032c“ bringt das gleichnamige warme Rot von Pantone auf seinem Cover zum Einsatz. Das Magazin ist an der Schnittmenge von Kunst, Architektur, Design, und Mode verortet und einer Ästhetik verpflichtet, die sich gegen leichte Zugänglichkeit bzw. Konsumierbarkeit sperrt.
Die Herausgeber der ausgewählten Magazine wollen mit ihrem Produkt nicht nur kulturelle Artefakte schaffen, sondern kulturelle Veränderungen auch selbst hervorrufen. „Wer ein Magazin gründet, ist per se ein Optimist“, sagt Felix Burrichter. „Der logistische Aufwand für die Erzeugung eines Printprodukts ist hoch, und im digitalen Zeitalter stehen die Zeichen einer solchen Unternehmung entgegen. Idealismus ist daher ein Schlüsselbegriff, und oft sind vor allem die ersten Ausgaben eines Magazins eine Art Manifest.“
Felix Burrichter (geb. 1978 in Düsseldorf, lebt und arbeitet in New York) ließ sich an der Ecole Spéciale d’Architecture in Paris und an der Columbia University in New York zum Architekt ausbilden. 2006 gründete er das Magazin „PIN-UP“. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Architektur-Zeitschriften hauptsächlich einem Fachpublikum vorbehalten. Burrichter wollte die Architektur aus dieser Nische herausholen und einem breiteren Publikum zugänglich machen. Dieser Anspruch ist inzwischen erfüllt: Die Hälfte der heutigen Leser sind keine Architekten. Auch dieses Magazin ist also stilbildend und erklärt die Doppelrolle von Felix Burrichter als Kurator dieser Ausstellung und Herausgeber eines der hier vertretenen Magazine.
Andreas Angelidakis ist für das Ausstellungsdesign verantwortlich. Er leitet ein experimentelles Architekturbüro in Athen, das eine Brücke schlägt zwischen Idee und Gebäude. Oft verwendet er zeitgenössische Kunst als Versuchsgebiet und neue Technologien als Denkumgebung. 2008 erschien bei Damdi Architecture Publishing in Korea die erste Monografie seiner Arbeiten unter dem Titel Internet Suburbia. www.angelidakis.com
Pressekontakt: Elena Heitsch

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