Kalenderblatt Mittwoch 23.12.20

Kalenderblatt Mittwoch, 23. Dezember 2020

Zitat des Tages: „Wenn die Dinge so bleiben sollen, wie sie sind, dann werden sie sich ändern müssen.“ Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896-1957)

23.12.1997: Pleitier Schneider: Das Leben ist eine Baustelle
Vor dem Landgericht Frankfurt wird am 23. Dezember 1997 der Schlussstrich unter das größte Wirtschaftsstrafverfahren der bundesdeutschen Justizgeschichte gezogen: Die Frankfurter Richten verurteilen den bankrotten Bau- und Immobilienunternehmer Jürgen Schneider zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis. Der 62-jährige „Baulöwe“ wird des schweren Betrugs und der Urkundenfälschung für schuldig befunden.
Mehr Details:
baustelle-0156.gif von 123gif.deDas Imperium des Bauunternehmers war im April 1994 unter einer Schuldenlast von fünf Mrd. Mark zusammengebrochen. Pleitier Schneider selbst hatte sich mitsamt Ehefrau Claudia ins sonnige Florida absetzen können.

Nach der Verhaftung in Miami 1995 sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, dass dem wegen schweren Betrugs Angeklagten bei einer Verurteilung im Extremfall bis zu 15 Jahren Haft drohten. Schneider habe bei über 50 Banken einen Schaden in Höhe von 5,4 Mrd. Mark verursacht. Er sei in diese Situation nicht, wie nach der Festnahme behauptet, mit Billigung der Banken „hineingeschlittert“, sondern habe den Betrug systematisch geplant.

Nach 41 Verhandlungstagen war aber noch etwas klar geworden: Schneider genügten zum Teil plumpe Tricks, um die Millionen auf seinen Konten anzuhäufen. Zeitweise sah die Verhandlung mehr aus wie ein Tribunal über Deutschlands mächtigste Geldhäuser als über den angeklagten Bankrotteur. Über Jahre hinweg hatte er hochwertige Altbauten in mehreren deutschen Städten, darunter auch in Leipzig, betreut, die er aufwendig sanieren wollte.

Die Fahrlässigkeit der Banken, die Schneider ohne nähere Prüfung immer wieder Kredite in schwindelnden Höhen gewährt hatten (allein die Deutsche Bank als Hauptkreditgeber 1,5 Mrd. Mark), sowie die „echte Einsicht“ Schneiders wertete das Gericht als strafmildernd. Ehefrau Claudia, in der Firma ihres Mannes als persönlich haftende Unternehmerin eingetragen, war bereits im Juni 1997 mit einem „blauen Auge“ davongekommen: Das Verfahren wurde mit der Auflage, 500 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten, eingestellt.

Im Januar 1998 trat Schneider seine Strafe an, durfte aber bereits ab Mai die Zelle tagsüber als „Freigänger“ verlassen. Seit Weihnachten 1999 befindet sich das „tapfere Schneiderlein“ endgültig auf freiem Fuß und wirkt seither – nicht nur wegen des abgelegten Toupets – sichtlich befreit. Inzwischen wieder aktiv geworden, bastelte Schneider an seiner zweiten Karriere: So veranstaltete er beispielsweise „Dichterlesungen“, in denen er aus seinen zwischenzeitlich verfassten und auf der Buchmesse 2000 vorgestellten Werken „Bekenntnisse eines Baulöwen“ und „Alle meine Häuser“ vorlas. In Leipzig, das er als sein persönliches „Waterloo“ bezeichnet, hielt er Stadtführungen ab und kümmerte sich darüber hinaus um den Umbau der Wohnung seines Sohnes. „Denn mich zieht so leicht keiner über den Tisch“, verriet Schneider der BILD-Zeitung.

Gedenktage:

1989: Beethovens „Lied an die Freude“ aus seiner 9. Sinfonie bildet den symbolischen Auftakt zu einem Konzert in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, das der US-Musiker Leonard Bernstein dirigiert. Mit diesem Beitrag will der weltberühmte Dirigent die Wiedersehensfeier der Berliner Bevölkerung zur Öffnung der Mauer unterstützen.

1955: Mit großem Erfolg wird in München der Spielfilm „Sissi“ mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm in den Hauptrollen uraufgeführt. Der zweite Teil „Sissi, die junge Kaiserin“ wird im Folgejahr und der letzte Teil „Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin“ 1957 gezeigt: eine Filmtrilogie, die die deutschen Kinokassen gewaltig klingeln lässt.

1933: Im Reichstagsbrand-Prozess in Berlin ergeht heute der Urteilsspruch. Dabei wird der der Alleintäterschaft bezichtigte holländische Kommunist Marinus van der Lubbe zum Tode verurteilt. Er war am Abend des 27. Februar angeblich dabei ertappt worden, wie er mit Zündern der Marke „Die fleißige Hausfrau“ den Plenarsaal des Reichstagsgebäudes in Brand steckte.

1919: Großbritannien gesteht Indien im „Government of India Act“ das Recht zur schrittweisen Selbstregierung zu, behält sich aber die Militär- und Verwaltungshoheit vor. Mahatma Gandhi, der Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, ruft daraufhin die Bevölkerung zum gewaltlosen Widerstand auf.

1888: Nach einem Streit mit der von ihm verehrten Dirne Rachel greift der niederländische Maler Vincent van Gogh zum Messer und säbelt sich ein Stück seines Ohres ab; dieses sendet er der Angebeteten als Ausdruck seiner tiefen Liebe. Die fortschreitende geistige Erkrankung des Künstlers wird ein Jahr später zu dessen Einlieferung in die Irrenanstalt in St.-Rémy-de-Provence führen.

Geburtstage:

1981: Angelo Gabriel Kelly; amerikanisch-spanischer Sänger. Der jüngste Spross der berühmten Kelly-Family, die sich nach jahrelangem Herumziehen in der Welt schließlich am Rhein sesshaft gemacht hat, sang sich mit seiner engelhaften Stimme und zuckersüßen Hits („An Angel“, „Every Baby“) in die Herzen der jugendlichen Fans.

1943: Silvia, ehemals S. Renate Sommerlath; Königin von Schweden und bürgerliche Ehefrau des derzeitigen Monarchen Carl XVI. Gustav. Die geborene Heidelbergerin hat ihn in ihrer Zeit als Chefhostess während der Olympischen Spiele 1972 in München kennen gelernt und ihm vier Jahre später ihr Jawort gegeben. Ein Jahr nach der Heirat kam Tochter Victoria, die Thronanwärterin, auf die Welt.

1918: Helmut Schmidt; deutscher Diplomvolkswirt, Politiker (SPD) und Publizist. Vor seiner Ära als Bundeskanzler und Nachfolger Willy Brandts (1974-82) war der frühere Hamburger Innensenator und brillante Rhetoriker als Bundeswirtschafts- und Finanzminister aktiv. Die Regierungszeit des „Lotsen“ endete im Oktober 1982 mit seinem Sturz; ermöglicht wurde das konstruktive Misstrauensvotum im Bundestag durch einen Wechsel der FDP zur CDU.

1896: Giuseppe Fürst Tomasi di Lampedusa († 23.7.1957); italienischer Schriftsteller. Dem Sizilianer, der sich Zeit seines Lebens auf Erzählungen verlegt hatte, gelang kurz vor seinem Tod mit dem einzigen, von ihm verfassten Roman ein Welterfolg. „Der Leopard“ wurde nahezu in alle Sprachen übersetzt und in den 60er Jahren (mit Starbesetzung Claudia Cardinale und Burt Lancaster) von Regisseur Luchino Visconti eindrucksvoll verfilmt.

1790: Jean-François Champollion († 4.3.1832); französischer Wissenschaftler, der die Ägyptologie begründete. Ihm gelang es als Erstem, die ägyptischen Hieroglyphen mit Hilfe des 1799 gefundenen „Steins von Rosette“ zu entziffern und damit den Beweis zu erbringen, dass es sich dabei um eine Lautschrift handelt.

Copyright Rosmarie Elsner

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