Kalenderblatt Dienstag 23.6.20

Kalenderblatt Dienstag, 23. Juni 2020

Zitat des Tages: „Geistreich sein heißt, sich leicht verständlich zu machen, ohne deutlich zu werden.“ Jean Anouilh (1910-1987)

23.6.1995: Reichstagsgebäude im Avantgarde-Outfit

3d-0016.gif von 123gif.deÜber Kunst lässt sich bekanntlich streiten, besonders über die moderne. Doch das von Verpackungskünstler Christo und seiner Ehefrau Jeanne-Claude mit 100.000 qm silbern-schimmerndem Polypropylengewebe verhüllte Reichstagsgebäude in Berlin wird über alle Kontroversen hinweg zum großen Kunstereignis und Volksfest, das von heute bis zum 6. Juli rund fünf Millionen Besucher anlocken wird.

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Während fünf Jahre vor dem Millenniumswechsel meist Enthüllungen für Aufsehen in der Welt sorgen, zieht endlich einmal eine Verhüllung das Interesse der Bevölkerung auf sich. Ab heute präsentiert sich das Berliner Reichstagsgebäude zwei Wochen lang in einem völlig ungewohnten „Outfit“, gestaltet vom bulgarisch-amerikanischen Künstler Christo (eigentlich C. Javacheff) und seiner Ehefrau Jeanne-Claude.

Bereits seit 1971 bemühte sich das in den USA lebende Künstlerpaar um eine Genehmigung für die „Verpackung“ des Reichstagsgebäudes, das ohnehin zum Umbau ansteht. Die Resonanz von Seiten des Deutschen Bundestags, das traditionsreiche Gemäuer – ein Stück deutscher Geschichte – vorübergehend in den Status eines avantgardistischen Kunstwerks zu erheben, ist zunächst verhalten. Erst am 25. Februar 1994, fast 24 Jahre nach „Antragstellung“, stimmt er einer zweiwöchigen Verhüllung in gewebtem Kunststoff zu. Christo, der weltweit schon mehrere solcher spektakulären Verpackungsaktionen durchgeführt hat (u.a. die Projekte „Valley Curtain“ in der Wüste von Colorado, „Running Fence“ – ein 37 km langer Nylonzaun in Kalifornien, „Wrapped Coast“ nahe Sydney/Australien und die Verhüllung mehrerer Inseln in rosa Gewebe bei Key Biscane in Florida), will den Besuchern neue visuelle Erfahrungen vermitteln.

Am 17. Juni macht er sich mit Ehefrau und rund 200 fleißigen Helfern ans Werk: In nur sechs Tagen hüllen sie das Reichstagsgebäude in ein silbern schimmerndes Foliengewand, das bei Fertigstellung als „The Wrapped Reichstag“ die – zunächst skeptischen – Besucher völlig begeistert. Berlin und seine Bürger, allen voran der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und Kultursenator Ulrich Roloff-Momin, sowie die aus dem In- und Ausland herbei strömenden Schaulustigen sind des Lobes voll über das ungewöhnliche Kunstwerk, das rund 15 Mio. Mark verschlungen hat.

Fünf Millionen Besucher zählt Berlin in diesen zwei Wochen, in deren Mittelpunkt der neu eingekleidete Reichstag in jeder Hinsicht glänzt. Als er sein silbriges Kleid am 6. Juli wieder ablegt, sind sich alle einig, dass die Zeit viel zu kurz war. Jetzt geht ein anderer Meister ans Werk: der britische Architekt Sir Norman Foster, der in vierjähriger Bauzeit das Reichstagsgebäude zum neuen Parlamentssitz umgestalten wird.

Gedenktage:

1962: In Schwabing, dem Künstler- und Amüsierviertel Münchens, führt ein heftiger Zusammenstoß zwischen Demonstranten und der Polizei zu den „Schwabinger Krawallen“. Zur Eskalation kommt es, als Polizisten und berittene Beamte mit Gummiknüppeln, von denen sie ausgiebig Gebrauch machen, die Menschenansammlungen auseinander treiben wollen.

1948: Mit dem Befehl Nr. 111 tritt die Währungsreform mit ein paar Tagen Verspätung auch für Groß-Berlin und die Sowjetische Besatzungszone in Kraft. Neue Geldscheine gibt’s nicht, dafür Aufkleber, die auf die alten Reichsmarkscheine gepappt werden. Das bringt der neuen Währung die Bezeichnung „Klebemark“ (auch „Tapetenmark“) ein.

1924: Der Massenmörder Fritz Haarmann, der seit einiger Zeit in Hannover Angst und Schrecken verbreitet hatte, wird heute gefasst. Nach eigenen Angaben hatte „Der Totmacher“ (so genannt in der Verfilmung von 1995 mit Götz George) 27 junge Männer, größtenteils Obdachlose, ermordet, zerstückelt und teilweise verspeist.

1902: In Bern in der Schweiz tritt heute ein Physiker namens Albert Einstein seinen Dienst als Beamter beim hiesigen Patentamt an: Die Stelle ist mit „technischer Experte III. Klasse“ bezeichnet.

1894: Auf dem Internationalen Athletik-Kongress in der Pariser Sorbonne wird auf Anregung des Franzosen Pierre Baron de Coubertin beschlossen, die Idee der antiken Olympischen Spiele wieder aufleben zu lassen. Die anschließende Bildung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist ein weiterer Schritt zur Verwirklichung der Spiele in Athen im April 1896.

Geburtstage:

1943: James Levine; US-amerikanischer Dirigent, der zu den Großen seiner Zunft gehört. Nachdem er 26 Jahre das Orchester der Metropolitan Opera in New York leitete, ist er seit 1999 als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker vor allem mit Wagner- und Mozart-Interpretationen erfolgreich.

1919: Hermann Gmeiner († 26.4.1986); österreichischer Sozialpädagoge, der mit seiner Idee eine soziale Organisation schuf, die heute die gesamte Erde umfasst: Über 230 SOS-Kinderdörfer in über 80 Ländern geben elternlosen und gefährdeten Kindern ein neues Zuhause.

1910: Jean Anouilh († 3.10.1987); französischer Dramatiker. Unverkennbare Markenzeichen seiner weltweit aufgeführten Bühnenstücke sind neben der perfekten Beherrschung der dramatischen Technik seine witzig-ironischen Dialoge und die scharf gestochenen psychologischen Konturen seiner Charaktere. Bekannte Werke: „Antigone“ und „Becket oder Die Ehre Gottes“.

1887: Ernst Rowohlt († 1.12.1960); deutscher Verleger. Sein Name steht auch heute noch für Taschenbücher mit anspruchsvollem und originellem Inhalt. Der Gründer des Rowohlt-Verlages (1910) hatte dafür 1950 den Grundstein gelegt, als er erstmals Taschenbücher auf den Markt brachte, die im Rotationsverfahren hergestellt worden waren.

1884: Werner Krauß († 20.10.1959); Bühnen- und Filmschauspieler mit wechselnder Staatsbürgerschaft (bis 1951 österreichisch, anschließend deutsch). Nach Kriegsende war er einer der meist beschäftigten Künstler Deutschlands, man sah ihn überwiegend in Rollen mit einem dämonischen Hauch („Das Cabinet des Dr. Caligari“) oder im historischen Gewand („Danton“ und „Napoléon auf St. Helena“).

Copyright Rosmarie Elsner

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