Lesen! Die Angezählten

Campus Verlag
Anette Dowideit

Die Angezählten

Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können

244 S., 18,95 €, ISBN 978-3-59-351081-1

Von unserer freien Mitarbeiterin, Ursula Süß-Loof, M.A. gelesen und für sehr empfehlenswert befunden. PTM

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Neben wenigen Spitzenverdienern gibt es immer mehr Menschen, deren Einkommen nicht zum Leben reicht. Unsichere Arbeitsbedingungen, miese Bezahlung und wacklige finanzielle Verhältnisse betreffen heute nicht mehr nur die klassischen Billigjobs am unteren Rand des Arbeitsmarktes. Zunehmend schlittern auch immer mehr ehemals angesehene Berufe in Richtung Prekariat: Pilot, Stewardess, Lehrer, Krankenschwester, Post- und Paketzusteller, Bankberater und etliche andere. In vielen klassischen Mittelschicht-Jobs machen sich Frust über die Beschäftigungsverhältnisse und realistische Existenzangst breit.

‚Billig und konsumfreundlich soll es sein, nur nicht darüber nachdenken, lautet die Devise. Gewerkschaften gelten als unsexy, faire Bezahlung ist für viele kein Thema. Doch wieso darf Arbeit nichts kosten? Und wer ist eigentlich noch Mittelschicht? Wer zahlt den Preis, wenn alles billig ist?‘

Diesen Fragen ist die Diplom-Volkswirtin und Investigativ-Journalistin Anette Dowideit in diesem Buch nachgegangen. Sie nimmt darin verschiedene Branchen und Berufe unter die Lupe und zeigt anhand konkreter Beispiele: ‚Dumpingpreise sorgen für Lohndumping. Den Preis für die Billigflüge, die wir buchen und die Pakete, die wir hin- und herschicken, zahlen wir dann am Ende alle. Wir brauchen faire Regeln am Arbeitsmarkt, denn Arbeit hält unsere Gesellschaft zusammen. Wir sollten also aufhören, am eigenen Ast zu sägen.‘ Sauber recherchiert und faktenreich legt sie eine Analyse des heutigen Arbeitsmarktes vor, schildert dessen enorme Herausforderungen, und zeigt auf, was getan werden könnte, diese in den Griff zu bekommen.

Höchste Zeit, findet sie, über den Stellenwert von Arbeit für den Einzelnen und für die Gesellschaft zu reden. Denn das, so beklagt sie, finde nicht statt. Doch seit Jahren erfolgt ein sichtbarer Werteverlust der Arbeit, das gesamte Wertesystem der Arbeit sei bedenklich abgesackt, es wieder aufzurichten, dringend geboten. Auch bei den Berufsfeldern der Mittelschicht ist die Angst vor sozialem Abstieg, hervorgerufen durch gravierende Veränderungen am Arbeitsmarkt, längst Alltag. Menschen fühlen sich abgehängt und alleingelassen. Was es für unsere Gesellschaft bedeutet, wenn man von seiner Arbeit nicht mehr leben kann und wie wir aus der Situation herauskommen können, ist eines der Themen dieses Buches.

Als Verantwortliche für diese Entwicklung macht sie einmal die Unternehmen aus, die des Profits wegen ihren Angestellten immer mehr Flexibilität abverlangen, zum anderen die Politiker, die dies zulassen, aber auch uns Konsumenten. Die wir uns doch so daran gewöhnt hätten, Dienstleistungen aller Art so billig wie möglich zu erhalten, ohne zu hinterfragen, wie diese Preise eigentlich zustande kommen und wer am Ende den Preis dafür zahlt. Das sind schließlich die Arbeitnehmer. Und nicht zuletzt dann wieder wir alle, wenn die Allgemeinheit dafür aufkommen muss, wenn das Einkommen nicht einmal bei Vollbeschäftigung zum Leben reicht. Und erst recht nicht im Alter. Eines der größten Probleme sieht sie darin, dass sich in vielen Berufsbildern das klassische Beschäftigungsverhältnis auflöst, – ein Arbeitgeber, ein Arbeitnehmer und ein fester Vollzeit-Arbeitsvertrag. Aktuell arbeiten viele in befristeten Verträgen, oder hangeln sich gezwungenermaßen als Freiberufler in der sogenannten »Gig Economy« von einem Auftrag – einem ‚Gig‘, zum nächsten. Dass bei Lieferdiensten und Billigfluggesellschaften unfaire Arbeitsbedingungen herrschen, ist inzwischen hinreichend bekannt, dass aber auch Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern und sogar Ärzte in unsicheren und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen stecken, wohl nicht. Die ehemals etablierte Mittelschicht ist vom Wandel am Arbeitsmarkt ebenfalls voll erfasst und sieht einer entsprechend unsicheren Zukunft entgegen.

Bei ihren Recherchen in verschiedenen Branchen und Berufen, bei fest oder befristet Angestellten, Projektarbeitern, Freiberuflern, Multijobbern und Schwarzarbeitern, deckte sie unglaubliche Arbeitsbedingungen sowie Verstöße gegen geltendes Arbeitsrecht oder dessen geschicktes Umgehen auf, und musste feststellen, dass extrem fragwürdige Methoden von der Politik teils geduldet, teils sogar noch gefördert werden.

In angemessener und gerechter Bezahlung sowie menschenwürdiger Gestaltung der Arbeitsverhältnisse, dazu sozial verträglichen und nachhaltigen Alternativen zu durch Digitalisierung künftig wegrationalisierten Arbeitsplätzen, sowie die Arbeitswelt der Gig- und Share-Economy an bestehende soziale Standards sozialer Marktwirtschaft anzupassen, sieht Anette Dowideit die Lösung für viele aktuelle Herausforderungen. ‚Wir brauchen Politiker, die sich trauen, Lohnausbeutern gegenüber klare Kante zu zeigen.‘ Doch die Politik feiert das ‚deutsche Jobwunder‘.

Dieses hoch informative und mit großer Sachkenntnis verfasste Buch macht auf eindringliche Weise deutlich, wie weit wir von der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, entfernt sind, nach der jeder das Recht auf Arbeit, angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen, Schutz gegen Arbeitslosigkeit, das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sowie auf gerechte und günstige Entlohnung hat, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert.

Anette Dowideit: ‚Dieses Buch soll der Beginn einer neuen Debatte über unsere Arbeitswelt sein.‘ Möge es so sein.

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