Buch: DAMALS

Rowohlt Verlag, Reinbek
Siri Hustvedt

DAMALS

444 S., € 24,–, E-Book 14, ISBN 978-3-498-03041-4

Auf der Suche nach Abenteuern verlässt 1978 eine junge literarisch ambitionierte Frau namens S.H. ihre ländliche Heimat Minnesota und zieht nach New York, um dort den Helden ihres ersten Romans zu finden. Ihr Budget ist bescheiden und sie bezieht ein kleines Apartment in einer heruntergekommenen Gegend Manhattans. „Minnesota“, wie sie ihrer Herkunft wegen im Freundeskreis genannt wird, will Schriftstellerin werden und Literatur studieren. Sie stürzt sich in die Arbeit, liest sich durch Stapel wissenschaftlicher sowie belletristischer Literatur und fühlt sich von Anfang an in der Welt der Bücher und Gelehrten, in Bibliotheken und Buchhandlungen heimisch.

Durch die papierdünnen Wände zur Nachbarwohnung hört sie die oft skurrilen Monologe und gesungenen Mantras ihrer Nachbarin Lucy Brite, die immer dringlicher und klagender werden. Nach und nach wird die Nachbarin regelrecht zur Obsession. Bis eines Nachts ein dramatisches Ereignis in Minnesotas Wohnung Lucy Brite in Person auf den Plan ruft — und sich ein Geheimnis zu lüften beginnt.

Vierzig Jahr später findet S.H, inzwischen eine anerkannte Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, ein altes Tagebuch aus jener Zeit und erzählt, was davor und danach geschah: von Frauensolidarität und Männerwahn, von Liebe und Geschlechterkampf, von Gewalt und Versöhnung. Erzählt aber auch vom Mysterium der Zeit, von Erinnerung und Phantasie, von der Art und Weise, wie alles im Leben zu Geschichten wird. Aus der Perspektive der reifen Erzählerin kommentiert sie die Einträge ihres Jungen Selbst: „Aber vergessen wir nicht, dass die Erinnerung immer in der Gegenwart stattfindet. Vergessen wir nicht, dass die Erinnerung jedes Mal, wenn wir sie aufrufen, eine Veränderung erfährt, aber vergessen wir auch nicht, dass diese Veränderungen Wahrheiten mit sich bringen können“.

Diese Aussage im Roman entspringt neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, in deren Gefilde die Autorin Siri Hustvedt ebenfalls heimisch ist. In „Damals“ wirkt das Erinnern gelegentlich wie eine Assoziationskette, und Hustvedt spielt mit Querverbindungen zwischen Fiction und Non-Fiction. Sie knüpft einen Erzählstrang an den anderen, bewegt sich zwischen Damals und Heute. Und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Sowohl die Zeitebenen betreffend als auch Identitäten — Figuren im entstehenden Roman von S.H., wie auch die der Handlung. Am Ende ist eine Geschichte zu einer anderen geworden. Das intelligent ausgeklügelte Roman-Konstrukt mag den Leser manches Mal durchaus fordern.

Der neue Roman der amerikanischen Bestseller-Autorin mit norwegischen Wurzeln, Siri Hustvedt, trägt deutliche autobiografische Züge, ist aber, wie sie betont, Fiktion. Nicht nur die Initialen S.H. der Ich-Erzählerin sind ebenso ihre, auch sie zog in jungen Jahren von Minnesota nach New York, um dort zu studieren, wo sie dann wie ihre Romanfigur promovierte. Auch in der geradezu literaturbesessenen S.H. könnte man die Erfolgsautorin Hustvedt erkennen. Trotz auffälliger Analogien sollte der Leser die Erzählerin jedoch nicht mit der Autorin verwechseln. Wahre und erdichtete Biografie werden in diesem wirklich lesenswerten Roman schlüssig verbunden.

Immer wieder wird die Rolle der Frau in der Gesellschaft thematisiert. S.H.s bunte Kette von Erinnerungen zeigen unter anderem auf, wie die männliche Herrschaft über die weibliche errichtet wird, wie Frauen oft Ungerechtigkeiten und Demütigungen hinnehmen, weil sie einen entsprechenden Verhaltenskodex verinnerlicht haben. So hat auch die Roman-Heldin selbst mehrfach erlebt, dass ihre Talente geschmälert und ihre Stärke untergraben, ihre Leistungen aberkannt wurden oder sich andere damit brüsteten.

In einer noch immer von Männern bestimmten Welt, an der Universität ebenso wie auf einer Party, — eine der Schlüsselszenen des Buches —, begehrt sie gegen diese weibliche Rolle auf: Nach einer gerade noch abgewehrten Vergewaltigung geht sie mit einem Messer in der Tasche auf die Straße. Mit fundiertem Wissen und wortgewaltiger Sprache setzt sie sich der von Männern beherrschten Philosophie und Literaturwissenschaft entgegen. In einer herausragenden Szene im Buch argumentiert sie einen selbstgefälligen Professor mit Wittgenstein-Zitaten an die Wand, um dann, von der eigenen Courage überwältigt, in Ohnmacht zu fallen …

Virtuose Erzählkunst, brillanter Einsatz von Worten machen dieses Werk zu einem gleichermaßen anspruchsvollen wie unterhaltsamen Lesevergnügen.

Einen Tick Ironie erhält das Buch durch die Illustrationen der Autorin, die mehr als eine hübsche Beigabe darstellen. Eine davon ziert das Cover. (Ursula Süß-Loof, M.A.)

 

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