Jaenicke: … ÄRSCHE

Gütersloher Verlagshaus im Randomhouse Hannes Jaenicke Wer der Herde folgt, sieht nur ÄrscheGütersloher Verlagshaus im Randomhouse
Hannes Jaenicke

Wer der Herde folgt, sieht nur

ÄRSCHE

Warum wir dringend Helden brauchen

192 S., € 19,99, ISBN 978-3-579-08668-2

zebras-0006.gif von 123gif.deHannes Jaenicke, aufgewachsen in den USA und Deutschland, ist als Schauspieler durch Film und Fernsehen einem breiten Publikum bekannt. Als engagierter Umweltaktivist produziert er eigene Dokumentarfilme und setzt sich privat neben Tier- und Umweltschutz auch für karitative Organisationen sowie gegen Rassismus und Rechtsextremismus ein.

Auch als Autor hat er sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Mit ‚Wer nur der Herde folgt, sieht nur Ärsche‘, Untertitel: ‚Warum wir dringend Helden brauchen‘, hat er nun sein mittlerweile drittes Buch veröffentlicht. 

‚Bequemlichkeit, Überbürokratisierung und Herdentrieb führen in Deutschland zu einem kleinkarierten Mittelmaß, das wirkliche politische und gesellschaftliche Veränderung blockiert und sabotiert. Alternative Erziehungs- und Lebensmodelle — Fehlanzeige. Echte Startups — nicht in Sicht. Ambitionierte Spezialisten und Forscher — wandern aus. Eine moralische Instanz — gibt es nicht‘. — So der Autor. Deshalb fordert er zu Individualität und Eigensinn auf, zum Ausscheren aus dem System.

Anders als im Tierreich, wo die Herde überlebenswichtig ist, und die Leittiere meist die Besten und Erfahrensten sind, ist der Herdentrieb für Menschen schädlich, sind ihre ‚Leittiere‘ der jeweiligen Herde fragwürdig.

Mit diesem Buch will Jaenicke‘ gegen den Herdentrieb anschreiben und den Blick schärfen für die wahren Helden im Alltag — Vorbilder und moralische Instanz‘. Offen und sehr privat erzählt er von seinen persönlichen Helden und Vorbildern, die ihn geprägt haben, und denen er ‚mit diesem Buch ein Denkmal setzen und eine Plattform schaffen möchte‘. Und er lädt den Leser ein, ihn auf einer ‚Reise gegen den Strom, gegen den Herdentrieb, in die kleine Welt der Helden, die keine Lust haben, immer nur hinter Ärschen herzudackeln‘, zu begleiten.

Besonders ausgeprägt sieht er den Herdentrieb und seine Begleiterscheinungen übrigens in Deutschland. — Was er nicht müde wird, zu betonen, mit nicht immer schlüssigen Beispielen. Ohnehin lässt er an den Deutschen kaum ein gutes Haar. Sind sie seiner Meinung nach doch ein Volk von Neidern, Missgünstigen, von ‚German‘ Angst getriebenen Jammerlappen und Nörglern. — Ganz anders als die Menschen anderer Länder eben. Doch die Vergleiche, die er dabei anführt, hinken oft ziemlich.

Sein Urteil ist dabei so pauschal und undifferenziert wie man es von jemandem gerade mit seinem Anspruch nicht erwartet. Von seiner überlegenen Warte aus übersieht er dabei, dass er selbst quer durch das Buch fortwährend am Beklagen und Bedauern ist und seinem Ärger über alles und jeden, der nicht auf seiner Linie ist, Luft macht.

Kritik an Gesellschaft und Menschen ist sicherlich angebracht. Wenn er die Rolle der Medien beklagt, die mit Schreckensnachrichten Angst schüren und so die Auflage erhöhen, hat er nicht unrecht. Mit seinen Beispielen für nach seiner Meinung überproportionalen Berichterstattung hat er aber keine glückliche Hand: ‚Es wird ja immer dann am intensivsten berichtet, wenn es Übergriffe wie auf der Kölner Domplatte gibt, … ein Asylbewerber in Freiburg eine junge Frau vergewaltigt und ermordet. Die alltäglichen Sexualverbrechen, die deutsche Männer begehen, sind nicht erwähnenswert‘. — Wenn eine Münchner Tageszeitung knapp vier Monate vor dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt titelt: Unsere Ängste: Altersarmut — Zuwanderung — Terror, wirkt dies auf ihn wie eine ’self-fulfilling prophecy‘. In beiden Fällen lässt er den Leser einfach nur fassungslos zurück.

Sein lockerer, salopper Schreibstil und die Schilderung einer Vielzahl seiner persönlichen, privaten Erlebnisse und Erfahrungen im ihm eigenen — oft deftigen — Jargon machen das Buch aber trotzdem zur unterhaltsamen und durchaus interessanten Lektüre.

Lesenswert ist vor allem das Kapitel, in dem er seine persönlichen, großen und kleinen Helden und Vorbilder vorstellt. Wenn er von seiner Großmutter erzählt, seiner amerikanischen Klassenlehrerin, einem Freund, der trotz seiner Jugend bereits seit Jahren mit Bäumen die Welt rettet; einer ehemaligen Kölner Nachbarin, einem Münchner Taxifahrer, einem kongolesischen Fahrer im Kriegsgebiet des Ost-Kongo, sowie einer befreundeten, mittlerweile verunglückten Stuntfrau. Ebenso, wenn er über berühmte Helden berichtet, denen er begegnet ist, wie Götz George, Jane Goodall, dem Dalai Lam, Malala Yousafzai u.a. Sie alle sind Beispiele von Menschen mit Vorbildcharakter, die für ihr Leben und ihr Werk höchste Wertschätzung und Respekt verdienen.

Jaenicke fragt seine Leser: ‚Haben Sie Vorbilder? Gibt es Menschen, die Sie bewundern, die Ihnen oder anderen vielleicht zum Held geworden sind? Wenn ja, sind Sie schon eine Ausnahme und kein Herdentier‘.

So einfach ist es also, aus der Herde auszuscheren? Nicht für die Deutschen. Wie eine private Umfrage seinerseits ergab. Nach der die Deutschen, anders als Engländer und Amerikaner, keine Vorbilder oder Helden haben oder brauchen. Wen er da wohl gefragt hat?

Dieses Buch soll Mut machen, Rückgrat zu zeigen. Ein ehrenwertes Anliegen. Ob Jaenickes Plädoyer für mehr Mut und Querdenken dem Leser dafür genügend Denkanstöße liefert? Es wäre zu hoffen. (Ursula Süß-Loof, M.A.)

 

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