Buch: Völkerwanderung

Die neue Völkerwanderung

Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten
224 S., 20 € (D/A), Hardcover mit Schutzumschlag. ISBN-13 9783549074787. ePub (18,99 € D/A)  Leseprobe

Lions on the Move

minis-0698.gif von 123gif.deminis-0692.gif von 123gif.deAsfa-Wossen Asserate, der kaiserlich-äthiopische Prinz, erweist sich – obwohl seit seinem Tübinger Studium mehr Deutscher als Afrikaner – als Kenner der afrikanischen Geschichte der letzten 150 Jahre und als ein Mann, der die Zusammenhänge zwischen der afrikanisch-europäischen Geschichte und den afrikanischen Flüchtlingsströmen heute darzulegen versteht.

Ein (unausgesprochenes) Kernanliegen seines Buches ist es, Verständnis dafür zu wecken, dass die afrikanischen Flüchtlinge ein Verbleiben in ihrem jeweiligen Heimatland als unerträglich finden und zu ihrer Flucht keine akzeptable Alternative sehen. Dabei ist die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit nicht nur ein Ergebnis der heutigen Wirtschaftsmisere für das Gros der Menschen in ihren Ländern. Sie fußt auch auf den katastrophalen Entwicklungen der Vergangenheit, die die Flüchtlinge extrapolieren. Diese großen Traumata werden vom Autor vergegenwärtigt:

– Sklaverei, Kolonialismus und Völkermorde,
– die blutigen Befreiungskämpfe und vertanen Chancen nach Erlangung der Unabhängigkeit,
– das Scheitern des Demokratieaufbaus nach der Entmachtung der Gründerväter und das Fortbestehen korrupter Autokratien,
– die mangelnde Entwicklungsorientierung der Regierungen und der gesamten Eliten, die ihre Selbstbereicherung betreiben,
– die hoffnungslose Wirtschaftsmisere für die armen Bevölkerungsschichten (40 – 50 % unterhalb der Armutsgrenze, 220 Mio. Menschen, die
permanent hungern),
– die Verschlimmerung dieser Situation durch Land Grabbing (Landraub), China voran, und den Ausverkauf der nationalen Rohstoffe,
– das völlige Versagen der African Union (AU) und vorher schon der OAU und
– das Versagen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit – trotz des Transfers sehr vieler Milliarden.

Der Verfasser bezweifelt die Sinnhaftigkeit einer strikten Unterscheidung von „echten“ Flüchtlingen (aus Kriegsländern) und „unechten“ (aus Afrika). Er sieht die chaotischen Verhältnisse und die Perspektivlosigkeit der Flüchtlinge in ihren afrikanischen Heimatländern als gleichberechtigt an. Neben einer geordneten Abwicklung der Flüchtlingsströme (wie sie die UN-Agenda 2030 vorsieht) verlangt der Autor eine wirksame Fluchtursachenbekämpfung. Das leisten die bestehenden (Türkei) und geplanten „Migrationsabkommen“ (Libyen, Tunesien etc.) überhaupt nicht; sie stoppen allenfalls die Ströme unterwegs. Ebenso wenig ist die Entwicklungszusammenarbeit in der bisher geleisteten Form dazu in der Lage. Als absolut schädlich und rücksichtslos bewertet der Verfasser die Außenhandelspolitik der EU mit Afrika, die vor allem den Export subventionierter Agrargüter (Hähnchenschenkel, Milchpulver, Cornflakes, Tomatenmark etc.) fördert, die die lokalen Produktionen zum Erliegen bringen und Arbeitsplätze und Entwicklungschancen dort zerstören. Gleichermaßen schadet die europäische Fischfangindustrie, die die Gewässer vor afrikanischen Küsten überfischt und die Küstenländer ihrer lebenswichtigen Ressourcen beraubt.

Der Autor skizziert eine andere Form der Zusammenarbeit, die zur Fluchtursachenbekämpfung beitragen könnte, sieht aber entscheidende Hemmnisse, die dem entgegenstehen: die miserable Regierungsführung und mangelnde Entwicklungsorientierung der Afrikaner einerseits und die fehlende Entschlossenheit der Europäer zu wirklich wirksamer Hilfe andererseits.

Die Hoffnung ruht auf Führern wie Nelson Mandela oder John Magufuli, seit 2015 Staatspräsident von Tansania, der antrat, um Korruption, Vetternwirtschaft und Verschwendung von Steuergeldern zu unterbinden – und sogleich Taten folgen ließ. Er entließ die Leitung der Hafenbehörde wegen Korruption und Misswirtschaft und über 9.000 weitere höhere Staatsbeamte, die ihren Job mit gefälschten Hochschulzeugnissen ergattert hatten. Was fehlt, sind zwei Dutzend weiterer Staatspräsidenten mit dieser Gesinnung in Afrika und, dass Führer wie Magufuli nicht mehr als Nestbeschmutzer verleumdet werden.

Der Autor, der sich selbst auch als Flüchtling (besonderer Art) bezeichnet, hat ein kluges Buch verfasst – in lesbarer Sprache und nicht mit Zahlen überschwemmt. Er macht deutlich, dass „Afrika auf gepackten Koffern sitzt“ und dass es „Afrikas Zukunft ist, die den Kontinent verlässt“. Deshalb appelliert er massiv an Europas Verantwortungsbewusstsein. Der Verfasser geht mit der komplexen Thematik souverän um und zeigt großes Faktenwissen. Seine Bewertungen und Einschätzungen sind abgewogen.

Das Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich mit der Problematik der Flüchtlingsströme aus Afrika befassen – vor allem aber für jene, die sich schon eine abschließende Meinung dazu gebildet haben.

Dr. Hans-Gert Braun

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