Chronische Schmerzen

Schmerzpräsident fordert: Qualitätsindikatoren im Gesundheitswesen einführen

Ein „Weiter so“ darf es nicht geben: Instrumente zur Erfassung der Behandlungsqualität gibt es schon

medizin-0081.gif von 123gif.deMannheim 20.10.16 – „Ein Umdenken in der medizinischen Versorgung ist nötig“, fordert der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V., Professor Dr. med. Michael Schäfer, anlässlich des diesjährigen Deutschen Schmerzkongresses. „Die Strukturen des Gesundheitswesens müssen auch in der Schmerzversorgung konsequent an der Behandlungsqualität ausgerichtet werden“, fordert der Schmerzpräsident. Dazu müsse die Qualität der Behandlung routinemäßig gemessen und erhoben werden. Rund 2500 Schmerzexperten aus Klinik, Praxen, Forschung und Lehre sowie Akteure der Gesundheitspolitik erörtern Strategien, Forschungstrends sowie neue Möglichkeiten der optimalen Versorgung und Behandlung von Schmerzpatienten, anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses (19.-22.10.16) in Mannheim

In den letzten zehn Jahren hat sich in Deutschland der Anteil der Bevölkerung mit chronischen Schmerzen nahezu verdoppelt. Davon sind besonders die über 65-Jährigen betroffen. Schon heute berichten etwa 23 Millionen Deutsche (28 Prozent) über chronische Schmerzen. Legt man das Kriterium „Beeinträchtigung durch die Schmerzen“ zugrunde, so leiden sechs Millionen Deutsche an chronischen, beeinträchtigenden Schmerzen, die nicht durch einen Tumor bedingt sind.

Angesichts dieser Zahlen appelliert der Präsident der Schmerzgesellschaft, Professor Dr. med. Michael Schäfer, an die Gesundheitspolitik, einen „Schmerzindikator“ in allen Kliniken verpflichtend einzuführen. „Gute und schlechte Qualität muss endlich systematisch in den Einrichtungen des Gesundheitswesen erhoben werden, und zwar auch zum Thema Schmerz“, fordert Professor Schäfer. Dabei können Gesundheitspolitik, Klinikträger, Krankenkassen und interessierte Einrichtungen auf erfolgreich entwickelte Instrumente zurückgreifen.

Beim Thema postoperative Schmerzen hat beispielsweise das Projekt „Qualitätsverbesserung in der postoperativen Schmerztherapie (QUIPS)“ bewiesen, dass ein Qualitätsvergleich möglich und sinnvoll ist. Entwickelt und durchgeführt wurde es unter Federführung von Professor Dr. med. Winfried Meissner, Leiter der Schmerztherapie am Universitätsklinikum Jena und Präsidiumsmitglied der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V..QUIPS ist ein multizentrisches, interdisziplinäres Benchmark-Projekt. Die beteiligten Krankenhäuser erfassen kontinuierlich patientenbezogene Daten bezüglich Schmerzeinschätzung und -intensität sowie ein paar weitere standardisierte Parameter. So können sich teilnehmende Kliniken in Hinblick auf die Qualität ihrer Schmerzversorgung vergleichen und sehen, wo sie beim Thema Schmerz stehen. Erst dieser Vergleich erlaubt es, zu lernen, was die einen noch besser machen können und was bei den anderen vielleicht schon lang „State of the Art“ ist. Dieses qualitätsorientierte Benchmarkingprojekt gibt wichtige Hinweise auf Prozess-, Prozedur- und auch Ergebnisqualität. Allerdings haben sich bisher bei weitem nicht alle Kliniken beteiligt. 217 mitwirkende Krankenhäuser sammelten eine gute Basis von bis heute immerhin 446.967 Datensätze. Professor Schäfer merkt an: „Im Vergleich zur Gesamtheit aller Krankenhäuser in Deutschland – das sind derzeit insgesamt fast 2.000 – wird damit bislang allerdings nur ein recht überschaubarer Prozentsatz erreicht.“

Um zusammen mit niedergelassenen Schmerzexperten und multimodalen Schmerzzentren Qualität zu erfassen, hat die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. in den letzten Jahren ein Register aufgebaut. Mithilfe der „KErnDOkumentation und Qualitätssicherung (KEDOQ-Schmerz)“ ist es möglich, dass sich schmerztherapeutische Einrichtungen, die Patienten mit (chronischen) Schmerzen ambulant, teilstationär oder stationär versorgen, systematisch vergleichen und damit ihre eigene Qualität sichern beziehungsweise fortentwickeln. „KEDOQ-Schmerz“ sollte verpflichtender Bestandteil der Vor-Ort-Versorgung werden, fordert die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V.

„Alle Akteure des Gesundheitswesens müssen sich den neuartigen Herausforderungen stellen und umdenken“, betont der Schmerzpräsident. Diesbezüglich weist er erneut auf die von der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. unterstützten Beschlüsse der 88. Gesundheitsministerkonferenz der Länder und des Bundes hin. „Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sowie der Bundesgesetzgeber bleiben gefordert, diese nunmehr dringend in die Tat umzusetzen“, fordert Schäfer. „Die Schmerzexperten in Deutschland sind bereit – jetzt ist es an der Zeit, in der Gesundheitspolitik sowie bei den Vertragspartnern konsequent umzudenken und die Rahmenbedingungen im Sinne einer klaren Qualitätsorientierung auszugestalten. Die Spreu muss vom Weizen getrennt werden, eine Neuausrichtung ist nötig!“, so Professor Schäfer.


Der jährlich stattfindende Deutsche Schmerzkongress reflektiert die enorme Bedeutung des Symptoms Schmerz in sämtlichen Bereichen der Medizin und das stetige Bemühen der Schmerzexperten, den Schmerz wirksam(er) zu bekämpfen. Das Motto für den Kongress 2016 (UM)DENKEN ERWÜNSCHT regt dazu an, ausgetretene Pfade auch einmal zu verlassen, das eigene Denken und Handeln kritisch zu überdenken, vielleicht sogar in Frage zu stellen und aufgeschlossen zu sein für Neues. Mit rund 60 wissenschaftlichen Symposien, darunter Pflegesymposien und Dutzende Kurse und Seminare, deckt der Schmerzkongress das gesamte Themenspektrum der Schmerzdiagnostik und -therapie ab. Mehr als 2500 Teilnehmer – Mediziner verschiedener Fachgebiete, Psychologen, Pflegende, Physiotherapeuten und andere – werden erwartet.



 

Chronische Schmerzen durch frühe Therapie verhindern

Schmerzexperten fordern enge Kommunikation zwischen Klinik, Haus- und Fachärzten


Mannheim 19.10.16 – Chronischer Schmerz ist eine eigenständige Erkrankung. Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland leben mit dauerhaften Schmerzen, die sie in ihrem Alltag und Beruf stark beeinträchtigen. Viele von ihnen durchlaufen eine Odyssee durch das Gesundheitssystem, ohne dass eine gezielte, umfassende Therapie eingeleitet werden kann. Dadurch entstehen auch hohe Kosten im Gesundheitswesen. Welche Patienten ein erhöhtes Risiko tragen, chronische Schmerzen zu entwickeln und wie eine Chronifizierung durch effektives Schmerzmanagement vermieden werden kann, diskutieren Experten auf der Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses (19.-22.10.16). Sie findet am 20. Oktober 2016 in Mannheim statt. 

Schmerz gilt als ein Symptom, das „Gefahr“ signalisiert, beispielweise bei einer Verletzung. Er ist akut, tritt also plötzlich auf und lässt nach oder verschwindet, sobald die Ursache erkannt und behandelt worden ist. Dem gegenüber sind chronische Schmerzen ein eigenes Krankheitsbild mit vielen verschiedenen Ursachen. Weit verbreitet sind beispielsweise chronische Rückenschmerzen. „Bei nur zehn Prozent der Patienten mit Rückschmerzen können wir eine klare körperliche Ursache als Auslöser feststellen“, erklärt Professor Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn, Tagungspräsidentin des Deutschen Schmerzkongresses. Ähnlich sei es bei Kopf- und Gelenkschmerzen und auch bei Schmerzen nach Operationen, ergänzt Professor Pogatzki-Zahn, Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Münster. „Das Problem ist, dass manche Patienten den Schmerz anfangs als begleitendes Übel akzeptieren und dieser dann unzureichend therapiert wird. Bereits das kann die Chronifizierung auslösen“, so die Expertin.

Aber nicht nur die „Abwartehaltung“ der Patienten kann ein Grund sein, dass Schmerzen chronisch werden. Chronifizierungsanzeichen bei Akut-Schmerzpatienten werden oftmals nicht erkannt, gibt Professor Pogatzki-Zahn zu bedenken. „Risikopatienten für eine Chronifizierung müssen frühzeitig bei Auftreten bestimmter Risikofaktoren, sogenannten ‚Yellow flags‘, ‚herausgefischt‘ werden. Bei Patienten mit Rückenschmerzen gehören dazu beispielsweise psychische Faktoren wie Depressivität oder berufliche Faktoren wie körperliche Schwerarbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes“, so die Expertin. Der Erfolg – also das Vermeiden der Chronifizierung – sei davon abhängig, wie früh eine effektive Therapie eingeleitet wird.

Zu einem wirkungsvollen Schmerzmanagement gehört heutzutage weit mehr als eine Medikamentengabe. Durch Physiotherapie, psychologische Beratung und Entspannungstechniken kann ein interprofessionelles Team dem Risikopatienten helfen, eine Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern.

Für Professor Dr. med. Michael Schäfer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft und leitender Oberarzt und Schmerzforscher an der Charité in Berlin,ist das Vermeiden von chronischen Schmerzen eine der großen Herausforderungen der Schmerzmedizin. Damit Schmerzexperten zusammen mit dem Patienten früh eine umfassende Schmerztherapie starten könnten, müssten auf drei Ebenen Änderungen stattfinden, so der Mediziner. „Effektives Schmerzmanagement gelingt nur, wenn zwischen Klinik, Haus- und Fachärzten ein enger Austausch besteht, wenn das Thema Schmerz ein zentrales Thema in der Medizinerausbildung wird und wenn die Weiterbildungsangebote für alle an der Schmerzbehandlung Beteiligten verbessert werden“, so Präsident Schäfer.

Literatur:

Häuser W, Schmutzer G, Henningsen P, Brähler E. Chronische Schmerzen, Schmerzkrankheit und Zufriedenheit der Betroffenen mit der Schmerzbehandlung in Deutschland. Schmerz 2014 · 28:483–492.

Pogatzki-Zahn EM, Meissner W. Postoperative Schmerztherapie in Deutschland. Status quo. Schmerz. 2015; 29(5):503-9. doi: 10.1007/s00482-015-0039-8.

Fletcher D, Stamer UM, Pogatzki-Zahn E, Zaslansky R, et al. euCPSP group for the Clinical Trial Network group of the European Society of Anaesthesiology. Chronic postsurgical pain in Europe: An observational study. Eur J Anaesthesiol. 2015; 32(10):725-34.

Kaiser U, Sabatowski R, Azad SC. Multimodale Schmerztherapie: eine Standortbestimmung. Schmerz. 2015; 29(5):550-6. doi: 10.1007/s00482-015-0030-4.

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