Buch: Sarah Wagenknecht

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SARAH WAGENKNECHT

REICHTUM OHNE GIER

Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten

292 S., 19,95 €, ISBN: 978-3-59-350516-9

affe-0032.gif von 123gif.deImmer mehr Menschen in Deutschland leben von ihren Kapitalerträgen. Sie verfügen also über so viel Vermögen, dass sie nicht mehr selbst arbeiten müssen, vielmehr andere für sich arbeiten lassen können. So das Ergebnis neuerer Daten des Statistischen Bundesamtes. Seit der Jahrtausendwende hat sich ihre Zahl nahezu verdoppelt. Gerade in den letzten fünf Jahren ist ihre Zahl rasant gestiegen. Die Verluste aus der Niedrigzinspolitik der EZB seit Beginn der Euro-Schuldenkrise 2010 treffen offenbar vor allem Kleinsparer, Gewinne aus großen Vermögen auf den Aktien- und Immobilienmärkten sind noch immer weitaus höher. DAX-Unternehmen haben ihren Aktionären in diesem Jahr Rekorddividenden ausgeschüttet. Die Prognosen für 2017 sind ebenso günstig. 

Sarah Wagenknecht, promovierte Volkswirtin, Politikerin und Publizistin, hält angesichts der zunehmenden Konzentration von Reichtum und Wirtschaftsmacht eine kritische Reichtumsforschung für dringend nötig. In ihrem neuen Buch mit dem bedeutungsvollen Titel ‚Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten‘ legt sie eine scharfsinnige Analyse unserer Wirtschaftsordnung vor und fordert eine neue, in der Eigentum nur noch durch eigene Arbeit entstehen kann und feudale Strukturen und leistungslose Einkommen der Vergangenheit angehören sollen. Sie argumentiert dafür mit hoher Sachkenntnis und liefert fundierte Vorschläge für gerechte Eigentumsformen und Anerkennung echter Leistung.

Denn nicht eigene Leistung entscheidet heute über die gesellschaftliche Stellung des Einzelnen, vielmehr liegen Kapital und Macht wie zu Zeiten des Feudalismus vornehmlich in den Händen des circa einen Prozents der Bevölkerung, das auch heute die Oberschicht bildet. Diese besitzt die entscheidenden wirtschaftlichen Ressourcen, beherrscht das gesellschaftliche Leben und die Erträge fremder Arbeit mehren ihren Reichtum stetig. Nur dass diese Ressourcen neben Agrarland und Immobilien heute vor allem Industrieanlagen, technisches Know-how, digitale und andere Netze, Server, Software, Patente und vieles mehr umfassen.“

Unverändert wird das Eigentum an diesen Ressourcen nach Erblichkeit und Blutsverwandtschaft von einer Generation zur nächsten weitergegeben, seine Erträge – auch heute häufig steuerfrei – ermöglichen einen Lebensstil, wie er aus Arbeitseinkommen niemals zu erlangen wäre. Wieder arbeiten 99 Prozent der Bevölkerung zum überwiegenden Teil, direkt oder indirekt, für den Reichtum dieses neuen Geldadels.“

Es ist Zeit, den Kapitalismus zu überwinden, der mit freier oder sozialer Marktwirtschaft nichts zu tun hat, wie Sarah Wagenknecht feststellt. Denn wie kann es sein, dass vom Steuerzahler finanzierte technologische Entwicklungen private Unternehmen reich machen, selbst wenn diese gegen das Gemeinwohl arbeiten? Für die Mehrheit wird das Leben nicht besser, sondern härter.

Mit hoher Kompetenz spricht sie sich für eine kreative, innovative Wirtschaft mit kleinteiligen Strukturen aus, für mehr Wettbewerb und funktionierenden Märkten, statt eines Wirtschaftsfeudalismus, in dem Leistung immer weniger zählt, Herkunft und Erbe dagegen immer mehr.

„Wollen wir wirklich so leben, wie wir leben?“… „Warum akzeptieren wir ein Leben, das deutlich schlechter ist, als es mit den heutigen technologischen Möglichkeiten bei einigermaßen gerechter Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums sein könnte? Das sind die Kernfragen, die Sarah Wagenknecht ihren konsequent gedachten Vorschlägen für ein gerechteres Wirtschafts- und Finanzsystem voranstellt und plädiert im Ergebnis für Freiheit, Eigeninitiative, Wettbewerb, leistungsgerechte Bezahlung, Schutz des selbsterarbeiteten Eigentums.

Ihre glasklare Analyse und kompetenten Vorschläge eröffnen die politische Diskussion über neue Eigentumsformen und zeigen, wie eine innovative und gerechte Wirtschaft aussehen kann. Eigentum wird neu gedacht. Nicht wie heute leistungsfrei erworben und haftungsfrei – wie nicht zuletzt die Bankenrettung mit Steuergeldern eindrucksvoll zeigte. Wer jedoch Begriffe wie Sozialismus, Solidarität, Umverteilung, Verstaatlichung erwartet, wird enttäuscht. Ihr geht es um Gemeinwohl und Gerechtigkeit, um demokratische Gestaltungsfähigkeit, Dezentralisierung und die Eindämmung von Wirtschaftsmacht.

Jenseits der bisherigen Systeme, die Markt oder Staat und Planwirtschaft sowie Privatwirtschaft als ausschließliche Formen der Wirtschaftsordnung darstellten, sieht sie ein neues Ordnungsmodell und zeigt Schritte in ein demokratisch gestaltetes Gemeinwesen, das niemandem mehr erlaubt, sich zulasten anderer zu bereichern. Sie fordert eine andere Verfassung des Wirtschaftseigentums, die Demokratisierung des Zugangs zu Kapital und die Entflechtung riesiger Konzerne, deren Macht fairen Wettbewerb und Demokratie zerstört. Talent und echte Leistung dagegen zu belohnen und Gründer mit guten Ideen ungeachtet ihrer Herkunft zu fördern. Etwa in „Gemeinwohlunternehmen“ für öffentlich wichtige Wirtschaftsbereiche und in der Regulierung des Finanzsektors durch den Staat, wobei nicht profitorientierte „Gemeinwohlbanken“ den wirtschaftlichen Finanzbedarf sichern. Oder die Personengesellschaft, deren Eigentümer mit seinem Privatvermögen haftet, und die Mitarbeitergesellschaft, die wie eine Stiftung sich selbst gehört.

Dieses sauber recherchierte, überaus faktenreiche und mit hoher Sachkenntnis – und trotzdem auch für Nicht-Wirtschaftsfachleute gut verständlich – geschriebene Buch wird jeder an Politik und Gesellschaft interessierte Leser mit Gewinn lesen. Der Glaube, dass das zukunftsweisende System jemals umgesetzt werden könnte, erfordert jedoch beinahe schon unrealistisch anmutenden Optimismus. Stellen doch gerade diejenigen den Kreis der Entscheider, für die es sich in der aktuellen Wirtschaftsordnung besonders gut lebt. (Ursula Süß-Loof, M.A.)

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