Pokémon für Sportmuffel

Pokémon GO als Chance für Sportmuffel
Präventivmediziner Professor Martin Halle und Kinderkardiologin Professor Renate Oberhoffer von der TU München über mehr Aktivität im Alltag

tanzen-0045.gif von 123gif.de„Die Pokémon GO-App bringt Erwachsene und Kinder in Bewegung. Für Sportmuffel ist sie eine echte Chance, ihren Gesundheitsstatus ganz nebenbei zu verbessern. Bei der Monsterjagd an der frischen Luft vergessen viele die Zeit und sind hinterher ganz erstaunt, dass sie tatsächlich mehrere Kilometer zurückgelegt haben“, sagt Professor Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München mit Blick auf die Zahlen des Fitness-Tracker-Herstellers Jawbone. Am Start-Wochenende von Pokémon GO gingen die Nutzer durchschnittlich rund 9000 Schritte mehr als zuvor.

Je mehr Zeit vor dem Bildschirm, umso kränker
Mehr Bewegung im Alltag ist nötig: Wie die TK-Bewegungsstudie 2016 belegt, verbringen Erwachsene durchschnittlich 3,1 Stunden Freizeit pro Tag vor dem Fernseher oder dem Smartphone – bisher meist auf der Couch. 48 Prozent bezeichnen sich als Sportmuffel oder Antisportler. 

Fehlende Motivation ist der Hauptgrund für einen faulen Feierabend. Dass der Bewegungsmangel direkten Einfluss auf die Gesundheit hat, belegt die Studie ebenso: Menschen, die vier bis sechs Stunden ihrer Freizeit vor dem Bildschirm sitzen, klagen stärker über gesundheitliche Beschwerden wie häufige Schlappheit und Müdigkeit oder Herz-Kreislauferkrankungen als Wenignutzer.

Professor Halle, Facharzt für Kardiologie, Innere Medizin und Sportmedizin, beobachtet diese Entwicklung seit vielen Jahren. In seiner Ambulanz ist er täglich mit den Folgen von Bewegungsmangel und Mediatisierung konfrontiert. „Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Depressionen treten bei Bewegungsvermeidern häufiger und im jüngeren Alter auf. Als Ergebnis des jeweiligen Lebensstils wären viele Erkrankungen vermeidbar. Letztlich geht es uns allen doch um Lebensqualität – dass wir möglichst gesund alt werden und uns nicht verfrüht mit Krankheiten herumplagen müssen. Aus neuen Studien wissen wir: Bereits mit sieben Minuten intensiver Bewegung pro Tag lässt sich vielen Volkskrankheiten vorbeugen.“

Rund 11.000 Patienten pro Jahr
Am Zentrum für Prävention und Sportmedizin der TU München am Georg-Brauchle-Ring und am Klinikum rechts der Isar untersuchen Professor Halle und sein 14-köpfiges Ärzteteam etwa 11.000 Kassen- und Privatpatienten pro Jahr hinsichtlich ihrer sportlichen Belastbarkeit und  geben individuelle Bewegungs- und Ernährungsempfehlungen.

Mit „Sport auf Rezept“ motiviert der laufbegeisterte Mediziner selbst Sportverweigerer, bewusst Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.

Sieben Tipps für mehr Bewegung im Alltag 
Pokémon GO und Fitness-Apps sind nicht Jedermanns Sache und sorgen bei vielen für Zusatz-Stress. Antisportlern und Dauersitzern rät Halle, immer wieder kurze Bewegungseinheiten in ihren Alltag zu bringen und sich nach und nach zu steigern: „Es muss keinesfalls gleich eine Stunde Joggen sein. Von null auf zuviel funktioniert nicht. Es gilt: Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung. Jeder hat es selbst in der Hand, ein aktives Leben zu führen.“ Seine sieben Tipps für mehr Aktivität ohne großen Extra-Aufwand:

  1. Auf dem Weg zur Arbeit eine Station früher aussteigen und den Rest des Wegen flott zu Fuß gehen oder einen Teil des Weges mit dem Rad zurücklegen.
  2. Generell die Treppe statt des Aufzugs nehmen.
  3. Bewegungspausen in der Arbeit: z. B. regelmäßig eine Minute Seilspringen (geht auch ohne Seil) oder eine Minute Treppen rauf- und runterlaufen. Sie erhöhen so die Durchblutung Ihres Gehirns, können sich anschließend besser konzentrieren und arbeiten produktiver. Motivieren Sie Ihre Kollegen, mitzumachen!
  4. Beim Telefonieren aufstehen und umhergehen.
  5. Nach dem Abendessen noch kurz mit der Familie rausgehen und den Tag aktiv Revue passieren lassen.
  6. Wenn Sie Besuch bekommen, einen gemeinsamen Spaziergang machen statt auf der Couch zu sitzen.
  7. Die Zeit vor dem Fernseher nutzen: ob Crosstrainer, Dehnungsübungen oder Sit-ups – Möglichkeiten, sich vor dem Bildschirm zu betätigen, gibt es genug.

„Erwachsene leben Inaktivität vor“
Auch für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wird Bewegung zu einem immer wichtigeren Thema. Professor Renate Oberhoffer, Kinderkardiologin und Leiterin des Lehrstuhls für Präventive Pädiatrie der TU München, erinnert die Eltern an ihre Verantwortung: „Kinder sind grundsätzlich aktiver als Erwachsene – aber wir Erwachsene leben Inaktivität vor, die unsere Kinder dann gerne übernehmen. Wenn Eltern ihre Freizeit auf der Couch verbringen und am Tablet kleben, ist es nicht verwunderlich, wenn der Nachwuchs sich genauso verhält.“ 65 Prozent der Jugendlichen sitzen laut Robert-Koch-Institut täglich mehr als zwei, 15 Prozent sogar über sechs Stunden vor dem Bildschirm. Apps werden im Durchschnitt 100 Mal am Tag aufgerufen. Professor Oberhoffer: „Für die Gesundheit kann das dramatische Folgen haben, die ich immer wieder in unserer Präventivambulanz sehen kann.“ Schon bei Grundschulkindern lassen sich erste Zeichen verdickter, in ihrer Dehnbarkeit gestörten Adern erkennen, wenn sie zuviele Risikofaktoren mitbringen. „Der Grundstein für erworbene Herzerkrankungen im Sinne einer Arterienverkalkung wird in der Kindheit gelegt. Ich appelliere daher an die Eltern, bewegte Vorbilder für ihre Kinder zu sein: Holen Sie Ihr Fahrrad raus. Radeln Sie zusammen ins Schwimmbad. Und fahren Sie ihr Kind nicht bis vor die Schultüre.“

Zentrum für Prävention und Sportmedizin der TU München
Lehrstuhl für Präventive Pädiatrie der TU München
Pressekontakt: Gesprächsstoff

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