Buch: Neuland

neulandRowohlt/ Wunderlich Verlag
Ildikó v. Kürthy

Neuland

Wie ich mich selber suchte und jemand ganz anderen fand

397 S., € 19,95, ISBN 978-3-8052-5086-3

„Alle Frauen in der Lebensmitte sind auf der Suche. Aber es gibt kaum eine, die genau weiß, wonach sie eigentlich sucht“. Auch die Journalistin und Schriftstellerin Ildikó von Kürthy spürte diese Unzufriedenheit vieler Frauen, die eigentlich allen Grund haben, zufrieden zu sein. Nachdem die Hälfte des Lebens vorbei ist, ist es höchste Zeit. Aber wofür? „Soll ich nach meiner Mitte suchen oder nach einem großen, vielleicht letzten Abenteuer? Ist es Zeit für einen Anfang oder für ein Ende oder doch nur für eine Probestunde Pilates und eine andere Frisur?“ Kommt da noch was, fragt sie sich, und will wissen, was noch in ihr steckt.

Mit ihrer Suche nach einem besseren Leben und neuen Erfahrungen sieht sie sich in guter Gesellschaft: „Wie eine panische Büffelherde fegt eine riesige Schar sich selbst verwirklichender Frauen rund um den Globus. Und wer nicht mindestens Yoga macht oder eine Gluten-Unverträglichkeit vorzuweisen hat, verhält sich verdächtig.“

Der Jahresbeginn ist gemeinhin die Zeit der guten Vorsätze und Neuorientierungen. Wenn dann auch noch die Waage schon vor Weihnachten das Nachweihnachts-gewicht anzeigt, ist das der perfekte Zeitpunkt, seinem Leben eine Wende zu geben. Und so beschließt Ildikó von Kürthy, das folgende Jahr für sich zum Experimentier-feld für Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung zu machen. – Raus aus der Komfortzone hinein in die Problemzonen.

Im Zuge dieses Neuanfangs erprobte sie ein ganzes Jahr lang im Schnelldurchlauf 25 Maßnahmen, die ein besseres Leben und inneren Frieden versprechen: Yoga in der Morgensonne, Fasten mit der Prominenz, Schweigen im Kloster, Rhetorik für Führungskräfte, Seminare ‚Selbstschutz für Globetrotterinnen‘ und ‚Rhetorik und Körpersprache‘, einen Burlesque-Kurs, und Digitale Enthaltsamkeit. Sie hat ihre Falten geglättet, ihre Stirn mit Botox aufspritzen und ihre Fettzellen vereisen lassen; auf fast alles verzichtet, was richtig gut schmeckt, und – die wohl extremste Erfahrung für sie – sich von der kurzhaarigen Brünetten zur Blondine mit Wallemähne gewandelt.

Eine Liste mit neun guten Vorsätzen und gleichzeitig Herausforderungen begleitet ihren Weg durch ihr ‚Neuland‘: 1. Kein Alkohol. 2. Kein weißer Zucker. 3. Keine Kohlenhydrate nach 18 Uhr. 4. Keine neuen Anziehsachen. 5. Keine Einkäufe im Internet bei Großhändlern. 6. Erreichbarkeit einschränken, strenge digitale Diät. 7. «Einen Sommer lang so dünn, so blond und so schön wie möglich sein und dann mal sehen, ob sich das lohnt.» 8. Sport vier- bis sechsmal die Woche. 9. Ruhe & Konzentration durch Yoga, Meditation und Pilates oder andere geeignete Techniken.

‚Neuland‘, so Ildikó von Kürthy, ist ihr ‚Reisebericht aus der seltsamen Welt der Selbstverwirklicher‘. Anders als in ihren bisherigen Büchern ist die Bestseller-Autorin hier selbst die Heldin. Umwerfend komisch, schonungslos ehrlich und mit einem gehörigen Schuss Selbstironie schildert sie darin in meisterlicher Sprache ihre Erlebnisse und Erfahrungen während ihres einjährigen Selbstversuchs in Selbsterfahrung.

Herzliche Lacher sind garantiert. Und so ziemlich jede Leserin wird sich hier und da bei der außerordentlich unterhaltsamen Lektüre wiederfinden oder etwas daraus mitnehmen.

Lesegenuss vermittelt nicht nur der lockere, geistreich witzige Schreibstil, auch die leiseren Töne, wenn sie sich auf Spurensuche in ihre Vergangenheit begeben hat und dabei uralten Albträumen und vergessenen Wünschen begegnet, machen dieses Buch lesenswert. Auf der Suche nach dem neuen, besseren Leben vermittelt die Autorin in diesem sehr authentischen Buch ihren Blick auf und ihre Reflektionen über das Leben im allgemeinen, Frauen und Männer im besonderen, auch über das Altern und den Tod. Es ist ein Buch für Frauen, eines, das Frauen guttut, weil es ihnen den Druck bewusst macht, unter dem sie unter dem Diktat der Schönheit und Alterslosigkeit, mit dem Ziel perfekt zu sein, gemeinhin stehen. Und sie anregt, dieses Diktat zu hinterfragen, und sie ermutigt, sich ihm zu entziehen und zu sich selbst zu stehen.

Die gelungene Illustration dieses Buches mit ausgezeichneten Collagen erhöht den Lesespaß noch weiter.

Und: Hat sich das alles gelohnt? Vieles der ‚to do‘ und ‚don’t‘-Liste hat nicht geklappt. Manches Experiment wurde bald wieder abgebrochen. Es mag ja dem Zeitgeist entsprochen haben, nicht aber der eigenen Natur. Ein Leben als blonde Schönheit zum Beispiel.“ Wer es noch nicht weiß, dem sei gesagt: Schönheit ist ein Vollzeitjob und Blondsein eine Lebensaufgabe“. .. „Eine schöne, noch dazu blonde Frau sendet andere Signale aus und wird anders wahrgenommen“. Ildikó von Kürthy hat schnell gemerkt, dass ihr das nicht entspricht. „Blond sein ist, wie oben ohne zu gehen“. Lange hat sie diesen mühsam mit hohem Zeit- und Geldeinsatz herbeigeführten Zustand auch nicht ertragen.

Am Ende dieser ‚Abenteuerreise zum Ich‘ ’siegt das ‚Heimweh nach mir selbst‘, und sie ist wieder bei sich angekommen, nun aber zufriedener mit sich. Jetzt isst sie wieder, statt sich zu ernähren, ihre Stirnfalten – auch einige Laster – kehren wieder, und sie macht sich schließlich noch an eine besondere Problemzone, dem Krempel in Schränken und Ecken, ‚hinderlicher Lebensplunder‘, von dem sie sich endlich trennt und nur das behält, worauf es wirklich ankommt.

Bilanz nach diesem Selbsterfahrungs-Marathon: „Es war ein gutes Jahr. Unvergesslich, wegweisend und ohne Happy-End. Denn das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, ist eine Aufgabe für ein ganzes Leben, nicht nur für zwölf Monate. Und im besten Fall hört man nie auf, sich selbst zu überraschen und sich hin und wieder mal zu sagen: ‚Das hätte ich nie von mir gedacht!“ (Ursula Süß-Loof, M.A.)

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