bis 21.2.16 SÍ/NO

19.11.15–21.2.16 SÍ/NO: The Architecture of urban-think tank. Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne

Urban-Think Tank (U-TT) ist als ein »Interdisciplinary Design Collective« angelegt und seine Architekten und Gründer Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner verstehen sich als strategische Planer. U-TT startete 1998 in Caracas in Venezuela und widmete sich unmittelbar der praktischen Arbeit vor Ort, d.h. der detaillierten Analyse der urbanen Situation, besonders der Favelas und ihrem sozialen und ökonomischen Verhältnis zur Stadt.

Auf diesen Recherchen bauten die stadtplanerischen Entwürfe und konzeptionellen Ansätze von U-TT auf, die eine schrittweise Annäherung der geplanten mit den informellen Teilen der Stadt beabsichtigen. Über die Lehre an der Columbia University, New York, und erste internationale Ausstellungen und Publikationen weitete U-TT seine Aktivitäten und Forschungen in einen globalen Maßstab. Für die aufsehenerregende Studie über den Torre David in Caracas und die daraus resultierende Ausstellung »Torre David / Gran Horizonte« auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 wurde U-TT mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Die Ausstellung »Sí / No: The Architecture of Urban-Think Tank« zeigt an zwanzig Beispielen vielfältige Forschungsansätze, Analysen und Entwicklungsstudien über informelle Siedlungsformen aus der ganzen Welt, provokante Fragestellungen und ausgeführte Bauten.

Was ist die Rolle des Architekten heute? Wie praktikabel ist die gegenwärtige Situation in den Städten für die Zukunft? Insbesondere durch die umfassende Auseinandersetzung mit Caracas hatten Brillembourg und Klumpner die Erkenntnis gewonnen, dass der Berufsstand der Architekten kaum noch in der sozialen Realität verankert ist. Dies ist nicht nur in Caracas der Fall, sondern überall auf der Welt. Entgegen der immer weiteren Zunahme der Bedeutung der Stadt für die Zukunft, stellen sich diese immer öfter als Orte der Ungleichheit und Ausgrenzung dar. Ein grundlegendes Überdenken und Idealismus sind nötig, um die Perspektive der Gestaltung hinsichtlich dieser Problemstellung neu zu definieren und aus dem aktuellen Status Quo auszubrechen.

Konträr zum Typus des Star-Architekten sehen U-TT den Architekten in der Pflicht, als Überwacher, Initiator und Moderator von urbanen Interventionen und sozialen Prozessen aufzutreten – als Verantwortungsträger, der durchaus auch im Bereich der Politik agieren und räumliche und gesellschaftliche Verhältnisse kritisieren muss. U-TT verstehen den Stadtraum als Quelle der Inspiration, als urbanes Labor, um neue und ungewöhnliche Strategien auszutesten. Sie fühlen sich verpflichtet von der Logik der Stadt, die auch im Informellen funktioniert und Einfallsreichtum besitzt, zu lernen. Eine gewisse Hingabe ist dafür von Nöten, auch weil die Gefahr besteht, als Außenseiter der Architektenbranche angesehen oder gar vehement kritisiert zu werden. Das Ziel dabei ist nicht nur eine Aufklärung oder konkrete Verbesserung der jeweiligen Situationen, sondern darüber hinaus die Forderung nach neuen Geltungsbereichen, neuen Funktionen und neuer Legitimierung. Dadurch können Architekten gegen soziale Probleme vorgehen und Gemeinschaften ermutigen, eine neue urbane Wirklichkeit zu denken. Dies führt zu einer Mischung aus formellen und informellen Bestandteilen, einer Mischung, die nicht konkret von Architekten geplant werden kann, sondern in der Gemeinschaft entsteht und nebst einem kulturellen Prozess ein grundlegendes Bedürfnis wiederspiegelt. Dabei handelt es sich zum Beispiel um die Bereitstellung von Infrastruktur oder öffentlichem Raum auf verschiedensten Maßstabsebenen.

Auch mit der Ausstellung gehen Brillembourg und Klumpner einen ungewöhnlichen Weg: In einer räumlichen Struktur werden die Informationen auf erlebbare und authentische Weise wiedergegeben. Rohre aus PVC-U bilden einen fließenden, begehbaren Raum, der mit Stoffbahnen bespannt ist – ähnlich einer Aufreihung von Zelten. Der Besucher wird dabei ermutigt die eigene Behaglichkeitszone zu überschreiten und sich interaktiv mit den Exponaten, beispielsweise durch Anfassen der Stoffbahnen, auseinanderzusetzen. Die Einfachheit der Konstruktion, der simple Aufbauvorgang, das Zerlegen in die Einzelteile und die dadurch gute Transportierbarkeit, die Anpassbarkeit, sowie der reduzierte Einsatz an Werkzeug zeigen die Originalität des Designs, welche sich oft auch in den Projekten und der Denkweise von U-TT zeigen.

Seit 2010 leiten Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner den Lehrstuhl für Architecture and Urban Design an der ETH Zürich. Durch ihre Lehre streben sie eine Verbreitung ihres Wissens und eine Ausbildung einer neuen Generation von sozial engagierten Architekten an. Auch die Meinung der Öffentlichkeit in Frage zu stellen, zum Beispiel durch Ausstellungen, aber auch durch Publikationen oder Filme, ist dabei substantiell. Durch ihre provokante Haltung gelingt es U-TT, dem Besucher die Bedeutsamkeit der Thematik zu vermitteln.

Die erste Retrospektive von Urban-Think Tank in der Pinakothek der Moderne ist eine Kooperation mit der ETH Zürich, wo die Ausstellung bereits im Oktober gezeigt wurde. Die Ausstellung wird sich anschließend auf Welttournee begeben. Zudem wird eine begleitende Veranstaltungsreihe aus Vorträgen und Diskussion in den Räumen des Architekturmuseums stattfinden.

Publikation zur Ausstellung: SÍ / NO: THE ARCHITECTURE OF URBAN-THINK TANK. Slum lab No.10
Alfredo Brillembourg, Hubert Klumpner, Andres Lepik (Herausgeber) und Alexis Kalagas (Mitherausgeber)
184 Seiten, Englisch, Zürich 2015, ISBN 978-3-9809263-9-3, 18 €

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