25.1.-15.6.14 Bilder in der Zeit

25.1.15.6.14 Bilder in der Zeit. Sammlung Goetz im Haus der Kunst

Seit Frühjahr 2011 zeigt das Haus der Kunst im dafür hergerichteten ehemaligen Luftschutzkeller regelmäßig Filme und Videos aus der Sammlung Goetz. Im September 2013 hat Ingvild Goetz Teile ihrer Sammlung, weltweit eine der bedeutendsten Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst, dem Freistaat Bayern geschenkt. Die kongeniale Partnerschaft zwischen dem Haus der Kunst und der Sammlung Goetz schafft durch die kuratorische Fachkenntnis und Erfahrung des Museums eine hervorragende Basis für die weitere Entwicklung und Präsentation der Sammlung.

Teil 6 der Kooperation zwischen dem Haus der Kunst und der Sammlung Goetz ist der Beziehung von Bild und Bewegtbild gewidmet. In den hier ausgewählten Filmen, Videos und Diaprojektionen dominiert das sorgfältig, oft in Anlehnung an Vorbilder der Malerei komponierte Einzelbild. Die auffällige Langsamkeit, mit der die Bilder in den ausgewählten Werken aufeinander folgen, lenkt die Aufmerksamkeit zudem auf die Aspekte Motiv und Zeit.

Eine besondere Rolle bei der Werkauswahl für „Bilder in der Zeit“ spielt das Tableau vivant (frz. lebendes Bild), die Nachstellung von Kunstwerken der Malerei und Plastik durch lebende Personen. Diese Mode einer auf ein einziges Bild reduzierten Theaterdarbietung kam Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich auf. Beim Wiederaufgreifen dieses Formats durch die Videokunst der 1990er-Jahre trat häufig eine minimale Belebung des Bildes wie das Ein- und Ausatmen der Darsteller, die als lebendige Wesen eben nicht vollkommen bewegungslos verharren konnten, ins Zentrum. Im Film von Sam Taylor-Woods „The Servant“ (2007) erfolgt diese Belebung des statischen Bildes durch einen Lufthauch – er bringt die Flamme eines Sturmfeuerzeugs zum Flackern. Als minimale Bewegung macht er das Vergehen von Zeit erfahrbar, das den Film vom Gemälde unterscheidet. Ansonsten zeigt der knapp vierminütige Film eine einzige, unbewegte Einstellung: einen Mann auf dunkler Straße, der im Begriff ist, sich eine Zigarette anzuzünden. Er steht halb abgewandt vom Fenster eines Hauses, aus dem eine Frau blickt.

Markus Selg verzichtet in „Moloch“ (2007) ebenfalls sowohl auf Handlung, als auch auf Ton und Sprache. So liegt die Konzentration ganz auf dem Bild. Das bühnenartig aufgebaute Bild zeigt eine Industrieanlage und eine mexikanische Steinskulptur mit klaffendem Schlund. Veränderung bzw. Bewegung gibt es nur durch aufsteigenden Rauch und in der Beleuchtung der Szenerie. Sie evoziert die Szene in Fritz Langs expressionistischem Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ (1927), in der die Monstermaschine die Arbeiter verschlingt – Moloch ist die biblische Bezeichnung für einen Opferritus, bei dem „Kinder dem Moloch dargebracht werden“.

Im Vertrauen auf die Erzählmacht der Bilder reiht Markus Selg in „Storrada“ (2011) – dem zweiten Werk, mit dem er in der Ausstellung vertreten ist -, einzelne Einstellungen zu einer Handlung, die wie ein gefilmter Bilderzyklus aufgebaut ist und ohne Dialoge auskommt. Sigrid Storråda („die Stolze“), eine Wikinger-Königin aus dem 10. Jahrhundert, weigerte sich, den christlichen Glauben anzunehmen. Markus Selg zeigt die Storråda dargestellt von der Künstlerin Habima Fuchs, wie sie die Gemeinschaft verlässt, um in Einklang mit der Natur eine neue Bestimmung zu finden. „Storrada“ ist eine Parabel über Trennung, Abschied, Aufbruch und Erneuerung. In ausdrucksstarken Einstellungen entfaltet sich sowohl das äußere Geschehen als auch die innere Wandlung der Hauptfigur.

Die „Blumenprojektion, Herbst“ von Fischli & Weiss hat die Gattungen Landschaftsmalerei und Stillleben als Referenz. Ihre Doppel-Diaprojektion befindet sich am Übergang zum Kinematografischen. Während der Standzeit eines jeden doppelt belichteten Dias wandert der Blick über die opulenten Details. Die langsame Überblendung von einem Dia zum nächsten bewirkt eine Rhythmisierung, die das Vergehen von Zeit spürbar macht.

Auch die Diaprojektion „Annex“ von Kathrin Sonntag behandelt das Stillleben als Gattung. Jedes Dia ist um ein Bild aus dem Auktionskatalog „The Dr. Georg and Josi Guggenheim Foundation Collection“ komponiert. Die Katalogabbildungen sind um sorgsam ausgewählte Gegenstände ergänzt, die Farbtöne und formale Elemente des gezeigten Kunstwerks aufgreifen. So liegt eine aufgeschlagene Katalogseite zu Mimmo Rotella neben einem Luftpostumschlag und einem Stück rot-weiß gestreiften Geschenkpapier; in dem gesamten Arrangement dominiert dasselbe Blau, Rot und Weiß. Dieses Kompositionsprinzip, in dem das abgebildete Kunstwerk im Umfeld eines fotografierten Stilllebens aufgeht, erschließt sich erst durch die Reihung zur Serie.

Eine eindeutig konzeptuelle Annäherung an das Medium Malerei wählt Seth Price. Er hat für seine „‚Painting‘ Sites“ (2000-1) den Begriff „Malerei“ in Altavista, eine frühe Internet-Suchmaschine, eingegeben, anschließend Bilder aus den Websites, auf denen das Wort auftauchte, als Screenshot festgehalten und zu einer Diashow zusammengefügt. Die Suchergebnisse brachten von Meisterwerken der Malerei über Kunsthandwerk bis zu kitschiger Hobbymalerei alles Erdenkliche zum Vorschein. „‚Painting‘ Sites“ zeigt, wie sehr das hierarchiefreie Bilderangebot im Internet vom kunsthistorischen Kanon der Malerei abweicht. Die Erzählung eines dazu vorgetragenen Märchens im Stil der Romantik verstrickt sich schnell; trotzdem versucht man unwillkürlich, Bezüge zwischen Bild und Text herzustellen. Auf diese Weise werden gleich zwei große kulturelle Narrative, Malerei und Märchen, ad absurdum geführt.

Yael Bartana erweckt in ihrem 16mm-Film das Gemälde „Kriegskrüppel“ (1920) von Otto Dix zu neuem Leben. Die grotesk-dadaistische Darstellung von Kriegsversehrten wurde 1937 in der Schmähausstellung „Entartete Kunst“ in der Münchner Galerie des Hofgartens gezeigt und gilt heute als verschollen. In Bartanas Animationsfilm rücken Dix‘ Figuren wie Scherenschnitte durchs Bild. Bei der allmählichen Verschiebung von Close-up zu Vogelperspektive scheinen sich die Figuren ständig zu vermehren, bis sie schließlich nur noch Teil eines ornamentalen Musters sind: der die Arbeit betitelnde Schriftzug „Entartete Kunst lebt“. Parallel dazu verdichten sich die Geräusche – das Quietschen eines Rollstuhls, das Klappern von Krücken – und verstärken das visuell dargestellte Anschwellen zur Masse mit akustischen Mitteln. So baut Yael Bartana eine Brücke durch die Zeit und erinnert daran, dass Widerständigkeit damals wie heute eine genuine Eigenschaft von Kunst ist.

Kuratorin ist Patrizia Dander.

Mit
Yael Bartana, Entartete Kunst Lebt (Degenerate Art Lives), 2010
Peter Fischli & David Weiss, Blumenprojektion, Herbst, 1998
Gary Hill, Remarks on Color (Bemerkungen über die Farben), 1994
Cyrill Lachauer, 32 m.ü.NHN. – 114,7 m.ü.NHN. (II), 2012
Seth Price, „Painting“ Sites, 2000-2001
Florian Pumhösl, You have several times been paralleling or anticipating some (as yet not fully appreciated) recent developments in exact science – of which you may not be fully aware (few are), 2001
Robin Rhode, Untitled, Spade for Spade, 2005
Anri Sala, time after time, 2003
Markus Selg, Moloch, 2007; Storrada, 2011
Kathrin Sonntag, ANNEX, 2010
Sam Taylor-Wood, The Servant, 2007
Zhao Liang, Heavy Sleepers, 2006

Pressekontakt Dr. Elena Heitsch

www.hausderkunst.de

 

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