Dezember-Märchen: Weihnachtselflein

Marcel und Eric Schäffler

Das Weihnachtselflein

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Am Ausgang des Dorfes, da wo der Weg zu dem dunklen Tannenwald hinaufführt, lag abseits in der Wiese eine kleine ärmliche Hütte. Wer da im Sommer tagsüber vorbeiging, konnte da immer ein kleines flachshaariges Büblein sehen. Das tummelte sich auf der Wiese, haschte nach den Schmetterlingen oder lag im Grase und schaute hinauf in den Himmel. Und weil es gar so oft und gar so lange in den Himmel schaute, strahlten seine Augen die tiefe Himmelsbläue wieder. Das war das Peterle und in der ärmlichen Hütte wohnte es mit seiner Mutter, einer armen Witwe. Der Vater war schon frühzeitig gestorben. Er hatte oben im dunklen Tannenwald beim Baumfällen den Tod gefunden. 
Da war es für die Mutter gar nicht leicht, für sich und das Büblein das tägliche Brot zu verdienen, und sie mußte dafür die ganze Woche bei den Bauern arbeiten. Wenn sie im Morgengrauen die Hütte verließ, lag Peterle noch im tiefen Schlaf. Er rieb sich erst die Äuglein, wenn die Morgensonne durch das kleine Fenster guckte. Da sprang er schnell auf und lief hinaus zum Brunnen und spritzte und planschte bei seiner Morgenwäsche. Dann erst aß er die Hälfte von seinem Wassersüpplein, das ihm die Mutter bereitgestellt hatte und brockte ein Stück trockenes Brot hinaus. Gern hätte er die ganze Schüssel ausgegessen, doch die andere Hälfte mußte er für das Mittagsmahl aufheben. Bis dahin hatte er noch viel zu schaffen. Zuerst wurde das Pfühl und die Decken auf der Holzbank aufgeschüttelt. Das Büblein hatte kein weiches Bett und die Mutter auch nicht. Dann wurde die Hütte blank gefegt und Peterle ruhte nicht eher, als bis auch das letzte Eckchen sauber war. Das hatte ihm die Mutter gelehrt. Zuletzt holte er Wasser vom Brunnen und füllte die Töpfe und Krüge. Da stand ihm wohl manchmal ein Schweißtröpflein auf der Stirn, denn gar so leicht war das alles nicht für so ein kleines Büblein. Aber dann konnte Peterle auf der Wiese spielen. Doch immer war er allein, denn das Dorf war ein Stück entfernt und viele Kinder gab es dort nicht. Da hatte Peterle niemanden, mit dem er sprechen konnte. Nur die vielen Blumenkinder standen da. Mit diesen redete er nun, sang ihnen vor oder erzählte Geschichten, und wenn die Blumenkinder mit den Köpflein nickten, dann war Peterle zufrieden. Ach, es war überhaupt so wunderschön auf der Wiese. Was gab es da nicht alles zu sehen. Da flatterten die Schmetterlinge, die weißen und die bunten. Da summten die fleißigen Bienchen herum und krochen in die Blütenkelche seiner Blumenkinder. Wenn aber die dicken Hummeln kamen und gar so unsanft mit den zarten Blumen umgingen, dann zankte sie Peterle aus. Viel Freude hatte er auch an den putzigen Käfern, die zwischen den Grashalmen herumkrochen, und wenn dann gar die grünen Fröschlein angehüpft kamen, dann lachte er hell auf vor Freude.

Auf der Wiese konnte man aber auch viel hören. Da stieg die Lerche mit ihrem Tirili, Tirili hinauf in die blaue Luft und die Schwalben zogen zwitschernd an ihm vorüber. Wenn er mittags seine Schüssel leergegessen hatte und still auf der Wiese lag, dann musizierten die Grillen. Das klang so wunderschön, dass ihm die Augen darüber zufielen.

So verging dem Büblein die Zeit und wenn vom Dorf die Vesperglocke läutete, dann sprang es auf und lief der Mutter entgegen und half ihr, wenn sie das Feuer anbrannte, um die Abendsuppe zu kochen. Es blieb aber immer bei einer Wassersuppe. Zu Lebzeiten des Vaters hatte eine Ziege in dem kleinen Stall gestanden. Jetzt war er leer. Darüber war die Mutter oft recht traurig, aber Peterle tröstete sie und meinte, wenn er groß sei, wolle er ihr eine Ziege kaufen und eine Kuh dazu. Da strich ihm die Mutter wohl über das Flachsköpflein und meinte, bis dahin sei noch eine lange Zeit.

Der schönste Tag in der Woche aber war der Sonntag. Da konnte die Mutter daheimbleiben und die Sonntagssuppe fiel auch ein wenig besser aus. Wenn sie am Abend zuvor ihr Bündel auspackte, da war wohl mal ein Stücklein Fleisch darin, das hatte eine gute Bauersfrau hineingelegt. Sonntags hatte die Mutter auch Zeit, mit ihm in den dunklen Tannenwald hinaufzugehen. Das Herz tat ihr dabei immer ein wenig weh, denn sie dachte an Peterles Vater, den man tot aus dem Walde herausgetragen hatte. Dem Büblein ließ sie das aber nicht merken. Das war so fröhlich und sang mit den Waldvöglein um die Wette. Für ihn war der Wald voller Wunder. Er staunte über die hohen Bäume und freute sich über den grünen Waldboden, auf dem so drollige Pilzmännlein standen und die ganz kleinen Pilze waren wohl die Kinder. Wenn sie ganz still waren, konnten sie auch die scheuen Waldtiere sehen. Die Hirsche und Rehe und oben in den Baumwipfeln kletterten die flinken Eichhörnchen herum. Manchmal gingen sie auch am Sonntag zur Muhme. Die wohnte am anderen Ende des Dorfes. Sie war ein altes Weiblein und Peterle meinte, sie müsse wohl schon hundert Jahre alt sein, weil sie gar so viele Runzeln und Falten im Gesicht hatte. Aber gut war die Muhme und immer hatte sie etwas für das Büblein aufgehoben. Ein Schüsselchen mit süßen Brei oder ein Stück Honigbrot. Im Winter wohl gar ein Bratäpflein. Am allerschönsten aber war es, wenn sich die Muhme in den alten Lehnstuhl setzte und Märlein erzählte. Und sie wußte gar viele. Von der schönen Prinzessin mit dem Krönlein im Haar, die ein böser Zauberer verwünschte und die von einem mutigen Königssohn erlöst wurde. Und wenn dann der Königssohn dem Zauberer gar den Kopf mit dem Schwert abschlug, dann sprang das Büblein auf und seine Augen blitzten. So wäre es recht, rief er aus und genau so hätte er es auch gemacht. Und die Muhme erzählte weiter. Von den bösen Kobolden oben im Tannenwald. Vor denen müsse man sich hüten, weil sie den Menschen oft einen Schabernack zufügten. Von den guten Wichtelmännchen redete sie. Die wohnten in einer Felsenhöhle und halfen den Armen, wenn sie in Not waren. Die allerschönste Geschichte aber war die vom Weihnachtselflein. Das fuhr in einem silbernen Schlitten durch den Wald und beschenkte gute Kinder, aber nur solche. Und nur am Weihnachtstag konnte man es treffen. Wenn Peterle nach einem solchen Besuch bei der Muhme an der Hand der Mutter heimkehrte, dann stand sein Plappermündlein nicht still und in der Nacht träumte er von schönen Prinzessinnen und dem guten Weihnachtselflein.

Mit dem Sommer war auch für Peterle die schönste Zeit vorbei und wenn der Herbstwind die Blumenkinder auf der Wiese zerzauste und an der Tür der alten Hütte rüttelte, dann konnte Peterle nicht mehr auf der Wiese spielen. Die Mutter war nun viel daheim, denn die Bauern hatten keine Arbeit mehr für sie. Da wurde die Kost freilich noch schmaler in der kleinen Hütte und die Mutter weinte manche heimliche Träne. Wenn das Wetter nicht gar so stürmisch war, ging sie mit Peterle in den Wald hinauf, um Holz und Tannenzapfen zu sammeln. Sehr fleißig mussten sie dann sein, wenn sie im Winter nicht frieren wollten. Der kam oft über Nacht. So auch in diesem Jahr und als Peterle eines Tages erwachte, wirbelten die ersten Schneeflocken vor dem Fenster herum. Dann wurde es sehr kalt und das kleine Fenster bedeckte sich mit dicken Eisblumen. Da hauchte sich Peterle ein Guckloch hinein und schaute hinaus. Doch von der Wiese war nichts mehr zu sehen. Eine dicke weiße Schneedecke war darüber ausgebreitet. Nun frieren die Blumenkinder nicht mehr und können schön schlafen, dachte Peterle.

Eines Morgens sagte ihm die Mutter, heute wäre Weihnachten. Sie müsse aber ins Dorf und bei einem Bauern helfen. Peterle solle nicht traurig sein, meinte sie, ehe es dunkel wäre, sei sie wieder daheim.

So, dachte Peterle, als er allein war, heute ist also Weihnachten. Da wird mir die Mutter wieder ein Wachslichtchen schenken und ein Stück Rosinenbrot und ich habe gar nichts, was ich ihr geben kann. Bei diesem Gedanken wurde er ganz traurig. Aber dann fiel ihm ein, was hatte doch die Muhme von dem Weihnachtselflein erzählt ? Heute, am Weihnachtstag, könne man es treffen, und gute Kinder würde es beschenken. O, Peterle dachte doch, dass er ein gutes Kind sei. Wie oft hatte die Mutter ihn so genannt. Hatte er nicht immer die Hütte schön blank gefegt und Holz und Wasser hineingetragen ? Sicher würde ihm das Weihnachtselflein etwas schenken für die gute Mutter. So dachte das Büblein und schon war es draußen, nahm den Schlitten und stieg zum Walde hinauf. Der sah heute so weihnachtlich aus. Die schlanken Tannenbäume hatten dicke weiße Mäntel an und Kapuzen auf. Den grünen Waldboden deckte ein weicher weißer Teppich zu. Peterle stapfte tapfer darauf los, aber die Beine wurden ihm bald müde. Ob wohl das Weihnachtselflein hier vorbeikäme ? – Peterle setzte sich auf den Schlitten und wartete. Da hörte er ein Knacken und Rascheln im Wald und aus dem Dickicht traten Hirsche und Rehe heraus. Waldhäslein hüpften herbei und machten Männchen. Die Eichhörnchen kletterten von den Bäumen herunter und die Waldvögel setzten sich auf die untersten Äste. Es war, als ob die Tiere auf etwas warteten. Vielleicht auch auf das Weihnachtselflein, dachte Peterle. Schon hörte er in der Ferne in heimliches Klingen und ein heller Schein drang durch den dunklen Tann. Klingling, klingling, läutete es und heran kam ein silberner Schlitten. Zwei weiße Hirsche waren davorgespannt und zwei Wichtelmännchen hielten die Zügel. Im Schlitten aber saß ein wunderholdes Elfenkind. Einen goldenen Stern hatte es auf dem Kopf. Peterle meinte, er müsse schier vom Himmel gefallen sein, weil er gar so schön glänzte und weithin einen hellen Schein verbreitete. Das Elfenkind nickte den Waldtieren freundlich zu und als der Schlitten an Peterle vorbeifuhr, hielt er an. Peterle hatte gar keine Angst, weil das Elfenkind gar so lieb ausschaute. Mit einem Stimmchen, das noch viel lieblicher klang als die Silberglöckchen am Schlitten, redete es Peterle an: „Wer bist du denn,“ fragte es, „und was willst du so allein im Wald?“. Da fasste sich Peterle ein Herz und sagte, er sei das Peterle aus der Wiesenhütte. Er sei in den Wald gegangen, um das Weihnachtselflein zu treffen und er wollte es dann recht schön bitten, ihm etwas für die Mutter zu schenken. Die sei so arm und müsse immer viel arbeiten und dabei hätten sie oft nicht genug trockenes Brot zu essen. Da lachte das Elfenkind und sagte: „Da hast du ja Glück gehabt, denn das Weihnachtselflein bin ich.“ Dabei hob es die weiße Pelzdecke auf und Peterle durfte mit in den Schlitten steigen. Nun begann eine fröhliche Schlittenfahrt. Klingling, klingling, läuteten die Silberglöckchen und immer tiefer ging es in den Wald hinein und überall standen die Tiere und warteten und schauten mit glänzenden Augen auf das holde Weichnachtselflein. Vor einem Felsen machten sie Halt. Das Weihnachtselflein berührte den rauen Stein mit seinen zarten Händen. Da sprang er auf und eine große Höhle tat sich auf. Die war voller Wichtelmännchen. Das war ein Wispern und Flüstern. Alle rannten geschäftig hin und her und schleppten Säcke und Kisten und Kasten. Peterle sah voll Staunen auf die herrlichen Dinge, die da hineingepackt waren. Spielzeug und Leckereien, Röcklein und Wämslein. Das Weihnachtselflein aber ging von einem zum andern und lobte die fleißigen Wichtelmännchen. Zuletzt sagte es: „Nun sputet euch und bringt diese Gaben in die Hütten der Armen.“ Einen vollgefüllten Sack ließ es hinaus auf den Schlitten bringen und die fröhliche Rückfahrt begann. Die Wichtelmännchen stellten sich am Eingang der Höhle auf und schwenkten ihre Zipfelmützchen. Mit dem hellen Klingklang der Silberglöckchen ging es durch den Wald zurück. Die Waldtiere standen noch immer da und Peterle sah, da? ihre Augen noch mehr glänzten.

Als sie an die Stelle zurückkamen, wo sein kleiner Schlitten stand, nahmen ihn die Wichtelmännchen mit bis zum Ausgang des Waldes. Dort stiegen sie alle aus. Der vollgefüllte Sack wurde auf Peterles Schlitten gebunden und das Weihnachtselflein sagte: „Nun gehe heim zu deiner Mutter und bleibe auch ferner so brav und gut.“ Peterle bedankte sich schön, gab auch den Wichtelmännchen die Hand und zog fröhlich mit seinem Schlitten zum Walde hinaus.

Gerade zu derselben Zeit war auch die Mutter heimgekehrt. Als sie die Hütte leer fand, meinte sie, das Büblein habe sich versteckt. Sie brannte schnell Feuer an und steckte zwei Wachslichtlein auf ein kleines Tannenbäumchen. Das hatte sie heimlich vom Walde mitgebracht. Als sie dann aber das Büblein suchte, war es nirgends zu finden, auch draußen nicht. Nur der kleine Schlitten fehlte. Da stieg die Mutter in ihrer Angst zum Walde hinauf. Als sie ein Stück gelaufen war, sah sie das Büblein den Waldweg herunterkommen. Sie konnte es gar nicht fassen, was er ihr dann alles erzählte. Als sie aber dann daheim den Sack öffnete, mußte sie es glauben, dass ihrem Kinde ein holdes Wunder widerfahren war. Peterle stand mit strahlenden Augen dabei. Was kam da nicht alles heraus! Äpfel und Nüsse, Zuckerbrezeln und Rosinenbrot. Für die Mutter ein warmer Rock und ein schönes buntes Tuch. Für Peterle Höslein und buntgestickte Hosenträger. O, solche hatte er sich längst gewünscht. Zuletzt war noch ein kleiner Wagen und eine Peitsche darin. Im Wagen lag ein Beutel mit zehn blanken Talern. Da weinte die Mutter vor Freude, Peterle aber schrie laut und schwang die Peitsche, daß es nur so knallte. So ein schönes Weihnachtsfest hatte er noch nicht erlebt.

Von nun an ruhte Segen auf der kleinen Hütte, denn über den Beutel mit den Talern hatte das Weihnachtselflein wohl einen Zauberspruch getan. So oft auch die Mutter einen Taler herausnahm, es blieben immer zehn. Die Mutter nützte aber die Güte des Weihnachtselfleins nicht aus. Sie blieb weiter fleißig und bescheiden. Nur auf die Arbeit ging sie nicht mehr, sondern schaffte nur daheim. Bis zum Sommer wurde aus der baufälligen Hütte ein kleines schmuckes Häuschen mit einem Gartenzaun darum. Im Stall stand eine weiße Ziege und wenn Peterle im Sommer auf die Wiese hinausging, spazierte ein kleines Hühnervolk hinter ihm her.

Peterle ist noch oft oben im Wald gewesen, aber die Höhle mit den Wichtelmännchen und das Weihnachtselflein hat er nie wieder gesehen.

Überarbeitet von Monika Friedmann

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