5.12.13-9.3.14 Bettler, Diebe, Unterwelt

Bettler, Diebe, Unterwelt. Leonaert Bramer (1596–1674) illustriert spanische Romane. Pinakothek der Moderne (05.12.2013 – 09.03.2014)
Der Niederländer Leonaert Bramer (1596–1674) war einer der produktivsten Künstler des „Goldenen Zeitalters“. Konkurrenzlos pflegte er eine ungewöhnliche Besonderheit: gezeichnete Illustrationsfolgen zur damals zeitgenössischen Literatur wie auch zu historischen Texten. Die Staatliche Graphische Sammlung München verwahrt zwei umfangreiche Sets zu spanischen Romanen, die erstmals ausgestellt werden.

Leonaert Bramers gezeichnete Illustrationsfolgen
Als Zeichner zählt Bramer zu den produktivsten holländischen Zeichnern im „Goldenen Zeitalter“. Rund 1.300 Blätter sind bekannt. Die hohe Anzahl resultiert aus seiner ganz eigenen, konkurrenzlosen Spezialität, die keine Parallele hat: Illustrationsfolgen zu hauptsächlich literarischen Sujets, die sich als Unikate an Kenner und Liebhaber der Zeichenkunst richteten. Bramer fertigte Folgen zum Alten und Neuen Testament, zu Ovids »Metamorphosen« und anderen Vorlagen der Antike. Zudem beschäftigte er sich immer wieder mit entlegenen, von anderen Künstlern nicht beachteten Stoffen.

Lazarillo de Tormes
So entstanden 1646 72 Zeichnungen zum „Lazarillo de Tormes“, dem ersten Pícaro- oder Schelmenroman überhaupt, die nun in der Ausstellung zu sehen sind. Das Buch erschien 1554 in Spanien, um sodann in Übersetzungen rasend schnell europaweit verbreitet zu werden. Hauptperson ist der Ich- Erzähler Lazarillo, der sich im Milieu der Bettler und Taugenichtse mehr schlecht als recht durchbringt. In lose gereihten Episoden wird die ganze Härte im Leben der armen Leute geschildert, beginnend mit der unerbittlichen Schule bereits des Kindes als Blindenführer. Nur durch Schläue und kleinkriminelle Delikte vermag Lazarillo sich durchzuboxen. Bis heute gilt der „Lazarillo“ in Spanien als das Volksbuch schlechthin, in seiner ungebrochenen Popularität vergleichbar etwa mit dem, was Grimms Märchen für die deutsche Seele bedeuten. Der stark antiklerikale Roman wurde postwendend verboten, was lange illustrierte Ausgaben verhinderte.

Francisco Gomez de Quevedos – „Los Sueños“
Quevedos 1627 erschienene „Los Sueños“ – „Träume“ zählen dagegen zur spanischen Hochliteratur. Francisco Gomez de Quevedo (1580–1645) stammt aus einer Familie des niederen Adels. Neben seiner politischen Karriere schuf er ein literarisches Werk durchsetzt von trübem Pessimismus und getragen von herber Kritik an der spanischen Gesellschaft. Seine „Sueños“ sind zynische Extrakte, die „Missbräuche, Laster und Betrug in allen Berufen und Ständen der Welt“ aufzeigen sollen. In mehreren Traumsequenzen gelangt der Ich-Erzähler ins „Tollhaus der Verliebten“, wo er in burlesken Episoden berühmte Persönlichkeiten aus der Vergangenheit trifft. Bramer ist auch hierzu der erste Illustrator. Die in der Ausstellung gezeigten 60 Zeichnungen entstanden 1659.

Gezeichnete Unikate
Bramer war ein aufmerksamer Leser, der so gezielt wie genüsslich die wesentlichen Stellen auswählte, um den Erzählfluss am Laufen zu halten. Dem heutigen Auge erscheint die in den humoristischen Brechungen immer wiederkehrende Situationskomik als geradezu slapstickartig. Bei den Zyklen mit hoher Blattzahl folgen die Illustrationen in rascher Abfolge. Bramers Vorgehensweise wurde bereits 1920 trefflich als „kinematographisch“ beschrieben. In der damaligen zeitgenössischen Illustration hat das keinen Vergleich. Nach einem ersten konzentrierten Lesedurchgang dürften die Szenen bekannt gewesen sein und man konnte das Illustrationsbuch alleine betrachten.

Mit der Entscheidung für die gezeichnete Version und somit für nur einen Rezipienten sind Besonderheiten verbunden. Das nicht öffentliche Publikum macht Lösungen möglich, die eine allgemeine Publikation gewiss nicht gestattet hätte. Witzige Spielereien mit traditionellen Motiven, Pikanterien und Erotica sind ebenso eingestreut wie manche blasphemische Anspielung. In einer streng calvinistischen Gesellschaft wäre das gedruckt und vervielfältigt undenkbar gewesen. Bramer hatte einen Kundenkreis, der ihm „carte blanche“ gab und auch erwartete, etwas Besonderes geliefert zu bekommen.

Leonaert Bramer wurde am Heiligabend des Jahres 1596 in Delft geboren, wo er 1674 78jährig starb. Seine Grand Tour führte Bramer 1615 nach Italien. Dort lebte er, hauptsächlich in Rom bis 1628. In diesem Umfeld beeinflussten ihn insbesondere Adam Elsheimer (1578–1610) und die Malerei der Caravaggisten. Zurück in seiner Geburtsstadt Delft, konnte sich Bramer als gefragter Maler etablieren. Rund 350 Gemälde haben sich erhalten.

Ein eigens zur Ausstellung entstandener Multimediaguide steht interessierten Besuchern auf den Multimediageräten in der Pinakothek der Moderne zur Verfügung. Hörprobe auf www.pinakothek.de/bettler-diebe-unterwelt.
Zur Ausstellung erscheint ein durch die Ernst von Siemens Kunststiftung ermöglichtes Katalogbuch mit den Illustrationen und Romantexten sowie Aufsätzen von Achim Riether und Hans Paschen. Deutscher Kunstverlag | 288 Seiten, 197 meist farbige Abbildungen. ISBN 978-3-422-07221-3, 29,90 €
Mit Hilfe der Pesl-Stiftung Bayern und der Vereinigung der Freunde der Staatlichen Graphischen Sammlung München e. V. konnte 2012 eine Illustrationsfolge Leonaert Bramers zu Titus Livius’ „Ab urbe condita“ erworben werden. Der Band wird in der Ausstellung gezeigt. In der Studio- Reihe der Staatlichen Graphischen Sammlung München erscheint ein Katalog von Susanne Wagini. Deutscher Kunstverlag | 192 Seiten, 89 meist farbige Abbildungen ISBN 978-3-422-07222-0 | 19,90 €

Kurator: Achim Riether
Pressekontakt: Tine Nehler M.A.

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