Der Gärtner von Otschakow

diogKurkow_OtschakowSeptember 2013 Diogenes
Andrej Kurkow

Der Gärtner von Otschakow

Roman, 352 S., (D) 10.90 / (A) 11.30 / sFr16.90* (* unverb. Preisempfehlung). Taschenbuch. ISBN 978-3-257-24247-8. Auch als E-Book erhältlich. Aus dem Russischen von Sabine Grebing

„… Und die Vergangenheit ändert ihre Größe, je nachdem, wer sie sich anzieht…“ Ebenso bestechend wie das karge russische Leben der Mehrheit ist die hintersinnige Schlichtheit seiner Beschreibung durch Andrej Kurkow. Das geschickte Abdriften in eine Zeitreise mit starkem Gegenwartsbezug reflektiert vielleicht die Sehnsucht nach flüchtigen Eskapaden in andere Zeiten und offenbart gleichermaßen, dass jede Zeit von Höhen und Tiefen lebt (nicht nur, dass die Flunder 1956 weitaus köstlicher geschmeckt hat…). „Zigaretten sind echt aber echten Kaffee gibt es nirgends – nur löslichen“. Jedenfalls im Irpen nahe Kiew des Jahrs 2010, wo der undurchsichtige 60er Stepan Gärtner, der völlig atypischer Weise keinen Tropfen Alkohol trinkt, während alle anderen sich bis zur Bewusstlosigkeit die Hucke voll saufen – in Igor einen Handlanger findet, der sein Leben in andere Bahnen lenkt. Protagonist Igor ist der arbeitsscheue Sohn von Elena Andrejewna, bei der Gärtner als Gärtner untergekommen ist und in jeder Hinsicht, sein Feld wohl bestellt… 

„Heute bin ich Retro-Miliz“ sagt Igor – bekleidet mit der alten Sowjetuniform aus Fima Tschagins Vermächtnis – fährt nach Kiew und wird ein anderer. Kleider machen Leute. Es könnte aber auch daran liegen, dass Igor als Kind etwas auf den Kopf gefallen ist, was ihm ein „Geschlossenes Schädel-Hirn-Trauma“ eingebracht hat und er bereits 3 Gläser des 5-Sterne-Kognaks Koktebel und einiges mehr intus hatte. Zeitreiseziel ist Otschakow am Schwarzen Meer der 1960er Jahre, wo man „ab sechs bei der Arbeit ab drei betrunken“ ist. Dort lebt er ein interessantes Nebenleben mit wegweisenden Begegnungen, die seinem Hackerfreund Koljan letztendlich eine neue Heimat bieten… Aus etwas weit hergeholten Zusammenhängen die Kurkow meisterlich in Naheliegendes umgesetzt hat ist ein kurzweiliges Buch entstanden, das zu lesen mir nicht nur Freude gemacht hat, sondern wieder einmal den Anstoß gab, mich etwas mehr mit den Weiten von Russlands Geschichte auseinanderzusetzen… RS/PTM   

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