Juli-Märchen: Das Blumenmütterchen

Marcel und Eric Schäffler

Das Blumenmütterchen

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Hoch über dem Städtchen, auf dem alten Glockenturm, wohnte die kleine Cornelia. Ihr Vater hatte sie dort hinaufgebracht, weil er aus Gram über den frühen Tod von Cornelias Mutter in die Welt hinausziehen wollte. „Sei nicht traurig,“ sagte er zu dem weinenden Kind, „ich komme wieder.“ Die Glockentürmersleute waren Verwandte von Cornelias Vater, sie waren alt und mürrisch und hatten niemals Kinder gehabt. Deshalb wußten sie nicht viel mit der kleinen Cornelia anzufangen. Sie gaben ihr zwar zu essen und zu trinken, aber sonst kümmerten sie sich nicht viel um sie.

So lebte denn das goldlockige Kind wie ein verwunschenes Prinzeßlein. Stundenlang stand sie draußen auf dem Umlauf des Turmes und sah in den Himmel hinein, oder sie lauschte auf den Lärm spielender Kinder, der vom Kirchplatz zu ihr herauf drang. Hinunter wagte sie sich nicht, denn die Treppe war steil und finster und als sie mit dem Vater heraufgestiegen war, hatte sie beim Schein der Laterne gesehen, wie häßliche graue Spinnen an den Wänden herum krochen, und wie hier und da eine Fledermaus aufflatterte. Sie hatte nichts, woran sie ihr kleines Herz hängen konnte, aber eines Tages entdeckte sie ein paar verkümmerte Blumenstöckchen und an die verschwendete sie nun ihre ganze Liebe. Sie pflegte und tränkte sie, band die herniederhängenden Zweiglein fest und schleppte sie hin und her, um sie vor rauhem Wind und zu grellem Sonnenlicht zu schützen. Die Turmschwalben, die das sahen, sagten: „Sie ist wie ein richtiges Blumenmütterchen!“, aber die Blumen dankten ihr auch für ihre Liebe und grünten und blühten, und bald hatte Cornelia ein kleines Blumengärtlein um sich. Das war nun ihre größte Freude und sie redete mit den Blumen, als wenn es ihre Kinder wären. Auch im Winter sorgte sie für ihre Lieblinge und fand ein geschütztes Plätzchen drinnen im Turm.

Nun war es schon zum drittenmale Frühling geworden und Cornelias Vater war immer noch nicht heimgekehrt. Traurig saß sie zwischen ihren Blumenkindern draußen vor dem Turm und schaute zu dem blauen Frühlingshimmel hinauf, an welchem weiße Wölkchen daherzogen. „Ach,“ seufzte sie, „wenn ich doch mit euch dahinziehen könnte.“ Da sah sie, wie ein Wölkchen sich von den anderen löste und immer tiefer herunterschwebte. Vor dem Eisengitter des Turmes stand das Wölkchen still. In dem Wölkchen aber war ein weißes Schifflein. Darin saß ein schönes Kind. Das hatte ein Kleidchen an so blau wie der Himmel und an den Schultern waren ihm zwei glänzende Flügel gewachsen.

„Komm mit, kleine Cornelia,“ sagte das schöne Kind. Cornelia zögerte und ihr Herzchen klopfte laut. „Komm mit, kleine Cornelia“ sagte das schöne Kind noch einmal und streckte ihr beide Hände entgegen. Da lief Cornelia zu ihren Blumen, streichelte sie und sagte: „Seid nicht traurig, ich komme wieder,“ wie ihr Vater gesagt hatte. Dann kletterte sie auf ihr Stühlchen, ergriff die dargebotenen Hände des Kindes und schwang sich in das Schifflein hinein. Das hob sich schnell wieder in die Höhe und als Cornelia unter sich blickte, sah sie die roten Ziegeldächer und grünen Gärten des Städtchens nur noch wie rote und grüne Tupfen unter sich liegen. Dann sah sie gar nichts mehr, nur noch strahlende Himmelsbläue und weiße Wolkenschifflein. Überall saßen schöne Kinder darin, die lachten und sangen und riefen einander fröhliche Grüße zu.

Nun erst fand Cornelia ihre Sprache wieder und leise fragte sie: „Seid ihr Engelein und bin ich nun gestorben? Mein Vater hat mir erzählt, daß die Engel meine Mutter in den Himmel getragen hätten.“ „Nein“ sagte das schöne Kind, „wir sind keine Engel. Die wohnen noch hoch und weit über uns. Wir sind nur Wolkenelflein und ich heiße Silberflöckchen. Und du bist auch nicht gestorben. Aber die Turmschwalben haben mir von dir erzählt und ich habe dich so oft einsam und traurig auf dem alten Glockenturm stehen sehen. Deswegen habe ich dich geholt und du sollst nun eine Weile bei uns bleiben, damit du wieder fröhlich wirst.“

So flogen sie über einen großen Wolkenberg und hinter diesem lag ein weißes Haus, das hatte ein gläsernes Dach. „Hier wohnen wir“ sagte Silberflöckchen. Sie stiegen aus ihrem Schifflein aus und liefen über eine Brücke in das Haus hinein. Das war voller lachender, schwatzender Wolkenelflein. Die saßen an einer langen Tafel und aßen von goldenen Tellern und tranken aus goldenen Bechern. An den Wänden standen viele kleine Bettchen mit seidenen Kissen. Alles wurde im Saal mäuschenstill, als die beiden Kinder eintraten und Silberflöckchen sagte: „Das ist das Blumenmütterchen, von dem uns die Turmschwalben erzählt haben.“ Da sprangen alle Elflein auf und herzten und küßten Cornelia. Sie mußte mit an der Tafel sitzen und bekam von einem goldenen Teller süßen Kuchen zu essen und Honigseim zu trinken. Dann mußte sie von der Erde erzählen und jedes Elflein wollte etwas anderes wissen. Cornelia war glücklich, das erstemal seit dem Tode der Mutter, und als die Elflein ihre kleinen Harfen, Flöten und Geigen holten und spielten und sangen, da meinte sie, daß es bei den Engelein im Himmel nicht schöner sein könne.

Draußen wurde es nun dunkel und die Elflein hüpften und schlüpften in ihre seidenen Bettchen. Cornelia durfte neben Silberflöckchen liegen. Die Elflein schliefen bald ein. Sie waren wohl müde von dem Umhertollen am Tage. Cornelia aber lag noch eine ganze Weile wach, und sie sah durch die gläserne Decke, wie hoch über ihr die goldenen Sterne aufblitzten. Dann sah sie einen Mann hinter einer Wolke hervortreten. Eine Herde Silberschäflein trieb er vor sich her. Der Mann hatte ein gutes Gesicht. Es leuchtete und glänzte. Cornelia dachte, das kann nur der gute Mond sein und sie fühlte sich auf einmal wohlgeborgen und schlief sanft und ruhig ein.

Am anderen Morgen erwachte sie von einem hellen Schimmer. Hoch über ihr trat aus einem rosenroten Wolkentor eine schöne, stolze Frau heraus. Sie hatte einen goldenen Mantel an und eine Strahlenkrone auf dem Kopfe. „Das ist die Frau Sonne,“ sagte Silberflöckchen, „sie macht jetzt einen Rundgang um den Himmel. Dann wird heute wieder ein schöner Tag und wir können hinausfliegen.“ Es folgten noch viele schöne Tage und Cornelia flog fröhlich mit den Wolkenelflein am blauen Himmelszelt hin und her. Ihre Augen strahlten und die goldenen Haare, welche die Glockentürmerfrau in zwei steife Zöpfchen gezwängt hatte, ringelten sich wieder in Locken um ihr Gesicht. Wären ihr Flügel gewachsen, man hätte sie für ein Wolkenelflein halten können, so lieblich war sie anzusehen. Man nannte sie nur Blumenmütterchen und das hörte Cornelia gerne, denn die Elflein hatten alle so schöne Namen, da war Goldsternchen und Silberflöckchen und Tauperlchen und Himmelsröschen und Huschewind und Rackerchen und Tausendschön und Marienblümchen. Die Elflein waren alle sehr lieb zu Cornelia und sie mußte mit jedem einmal im Schifflein fliegen. Es gab aber auch Tage so sie daheim bleiben mußten. Da kamen dicke, graue Wolken angezogen und hüllten das weiße Haus ein. Aus den Wolken heraus aber flogen Elflein, die waren in graue Kittelchen gehüllt und hatte Spritzen und Gießkannen bei sich. Damit spritzten und planschten sie am Himmel herum, daß es nur so eine Art hatte. „Nun regnet es auf der Erde.“ sagte Cornelia. „Da laufen die großen Leute mit einem Regendach hin und her und die Gassenbuben patschen in den Pfützen herum.“ Aber die Wolkenelflein, die sonst so gerne von der Erde erzählen hörten, ließen ihr Köpfchen hängen und Silberflöckchen sagte, wenn doch der Wind käme und die Nichtsnutze verjage. Der Wind kam mit fliegendem Mantel und einem großen Stecken in der Hand. Damit jagte er die übermütige Gesellschaft auseinander. Sie verspritzten kichernd ihr letztes Naß und flogen davon. Dann riß der Wind mit seinem Stecken die grauen Wolkenvorhänge auseinander. Der blaue Himmel lugte hervor und ein Stück von dem goldenen Mantel der Frau Sonne. Hei, wie jauchzten da die Wolkenelflein und flogen schnell wieder hinaus. Aber nun ließ Cornelia ihr Köpfchen hängen. An den Regentagen war die Sehnsucht nach der Erde über sie gekommen, und eines Tages sagte sie: „Es ist sehr schön bei euch hier oben, aber bringt mich wieder auf die Erde zurück. Mein Vater würde traurig sein, wenn er heimkommt und mich nicht findet.“ Da weinten die Elflein und bettelten Cornelia, sie möchte doch noch bei ihnen bleiben. Silberflöckchen aber sagte: „Macht doch dem Blumenmütterchen das Herz nicht so schwer. Immer kann sie nicht hier oben bleiben und einmal muß geschieden sein. Wir wollen sie morgen auf die Erde zurückbringen und den Wind bitten, daß er uns den richtigen Weg zeigt.“

Cornelia hatte richtig geahnt, ihr Vater war wirklich heimgekehrt. Er hatte Glück gehabt in der Fremde und war als wohlhabender Mann zurückgekommen. Sein erster Weg führte ihn auf den alten Glockenturm. Aber sein Schmerz und seine Enttäuschung waren sehr groß, als er von Cornelias Verschwinden hörte. Auch die Glockentürmersleute waren traurig, als Cornelia nicht mehr bei ihnen war, so hatten sie erst gemerkt als sie fort war, daß sie das feine stille Kind doch von Herzen liebten. Vielleicht kommt sie eines Tages genau so schnell zurück, wie sie verschwunden ist, versuchten sie den Vater zu trösten.

Der Vater kaufte vor der Stadt ein kleines Haus, das mitten in einem blühenden Garten stand und an einem schönen Sommertag zog er ein. Beim Anblick der bunten Sommerblumen dachte er an Cornelia. Die hatte schon als ganz kleines Kind die Blumen inniglich geliebt. Traurig sah er zu dem blauen Sommerhimmel hinauf. Weiße Wölkchen zogen daher und senkten sich immer tiefer herunter auf die Wiese, die vor dem Garten lag. Der Vater trat hinaus und sah zu seinem größten Erstaunen, wie geflügelte Kinder aus dem Wölkchen sprangen. Sie faßten sich an den Händen und bildeten einen Kreis um ein kleines goldlockiges Mädchen, welches in der Mitte stand. Dann herzten und küßten sie das Kind und sprangen wieder in die Wölkchen hinein. Die hoben sich schnell wieder in die Höhe und das kleine Mädchen winkte ihnen mit beiden Händen nach. Dann drehte es sich herum und der Vater erkannte seine kleine Cornelia. Laut rief er ihren Namen und Cornelia flog jubelnd auf ihn zu. Ihre Freude kannte keine Grenzen, als er sie dann in das Häuschen führte. Sie liebkoste jede Blume, streichelte die alte Magd und fiel dem Vater immer wieder um den Hals. Die Freude war groß, als sie am anderen Tage zur Turmstube hinaufstiegen und die Glockentürmersleute konnten sich nicht sattsehen an dem strahlenden Gesicht ihres einstigen Schützlings.

Als Cornelia dann von ihrem Besuch bei den Wolkenelflein erzählte und von Goldsternchen und Silberflöckchen und Tauperlchen und Himmelsröschen und all den anderen plauderte, kamen sie aus dem Staunen nicht heraus. Dann aber wollte Cornelia ihre Blumen sehen. Sie grünten und blühten, denn die Türmersfrau hatte sie getreulich weiter gepflegt. Darüber war Cornelia sehr froh und sie redete mit ihnen, wie eine Mutter, die zu ihren Kindern heimgekehrt ist. „Das Blumenmütterchen ist wieder da“ zwitscherten die Turmschwalben und sie erzählten es überall unten im Städtchen. Da wollten alle Leute an der Wiedersehensfreude teilnehmen. Nach und nach zog alt und jung hinaus, um Cornelia und ihren Vater zu begrüßen.

Die beiden lebten sehr glücklich und Cornelia wuchs heran zu ihres Vaters Freude. Alle Leute hatten sie gern und man nannte sie nur das „Blumenmütterchen“. Die Schwalben hatten aber auch recht, ihr diesen Namen zu geben, denn weit und breit blühten nirgends die Blumen so schön, wie in dem kleinen Garten draußen vor der Stadt. Und unter Cornelias fleißigen Händen wurde er zu einem wahren Wundergärtchen.

Überarbeitet von Monika Friedmann

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