Einspruch, Euer Ernährungs-Ehren!

menschen-arbeit-0033.gif von 123gif.deAktueller DGE-Kongress: „Einspruch, Euer Ernährungs-Ehren!“

Warum überschätzt die DGE ihre Datenbasis? Weil sie um ihre Existenzberechtigung fürchtet?

Die Erde ist keine Scheibe – und Beobachtungsstudien ermöglichen keine evidenzbasierten (wissenschaftlich abgesicherten) Empfehlungen

Hofheim, 28.03.13 – Ernährungsregeln basieren vorwiegend auf Beobachtungsstudien (epidemiologische Studien), die niemals Beweise für „Ursache & Wirkung“ liefern – sondern ausschließlich statistische Zusammenhänge, die nur Vermutungen zulassen. Wissenschaftlich abgesicherte (evidenzbasierte) Empfehlungen erlauben diese Studien daher nicht. „Beobachtungsstudien sind nicht geeignet, präventive oder therapeutische Empfehlungen abzuleiten“, erklärt die Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin, Prof. Dr. Gabriele Meyer von der medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Doch für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE gilt dieses „Forschungsgesetz“ anscheinend nicht – denn für die DGE sind Be- obachtungsstudien eine „wichtige Grundlage für die Ableitung evidenzbasierter Empfehlungen für die Bevölkerung“ zur „Prävention ernährungsmitbedingter Krankheiten“, so am 21. März auf dem 50. DGE-Kongress verkündet [1].

Über die Gründe für diese Fehleinschätzung der ernährungswissenschaftlichen Datengrundlage lässt sich nur spekulieren: „Beobach- tungsstudien bilden die Existenzberechtigung für Ernährungsinstitutionen wie die DGE, denn sie liefern das Datenfundament für Ernährungsregeln und -kampagnen. Vielleicht möchten die DGE- Funktionäre mit ihrer fragwürdigen Fehlinterpretation die öffentliche Meinung zu Beobachtungsstudien aufwerten, damit niemand die Emp- fehlungen der DGE ernsthaft anzweifelt“, vermutet Ernährungswissenschaftler Uwe Knop aus Hofheim.

Ist Ilse Aigner über Beobachtungsstudien aufgeklärt?

„Wenn beispielsweise Ilse Aigner wüsste, dass beobachtende Ernährungsforschung einem Rätselraten auf wissenschaftlich niedrigem Niveau gleicht, würde sie hoffentlich kritisch hinterfragen, ob sie ihre ernährungspolitischen Maßnahmen weiterhin auf DGE-Empfehlungen stützt“, vermutet Knop [2]. So hat neben Professorin Meyer auch Professor Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg, das die Qualität wissenschaftlicher Untersuchungen bewertet, bereits mehrfach erklärt [3], dass Ernährungsforschung keine Beweise liefern kann. Für Antes sind „die Ernährungswissenschaften in einer bemitleidenswerten Lage“, denn deren Beobachtungsstudien sind methodisch unzuverlässig. „Studien in diesem Bereich sind von vielen unbekannten oder kaum messbaren Einflüssen abhängig“, erklärt Antes. „Beobachtungsstudien sind anfällig für viele Störgrößen, sodass am Ende keine wissenschaftlich vertretbare Erklärung für die beobachteten Zusammenhänge möglich ist“, ergänzt Meyer. So ging es beispielsweise in jüngeren Studien um die Wurst als Diabetesverursacher – aber letztlich kann niemand erklären, worauf der statistische Zusammenhang „Wurstesser haben ein erhöhtes Diabetesrisiko“ basiert. Eine öffentliche „Abrechnung“ mit diesem „massiv überschätzten“ Studientyp wurde bereits im Juli 2012 von Dr. Klaus Koch, Ressortleiter Gesundheitsinformation beim IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) publiziert [4]: „Epidemiologische Studien können normalerweise keine Beweise liefern. Punkt.“ Sie liefern nur Vermutungen, die „nie geprüft werden“. Koch stellt klar, dass es hier immer nur um eine „Beobachtung geht, von der niemand sicher weiß, ob das eine wirklich die Ursache des anderen ist“ – oder nur um eine Korrelation, also ein zufälliges Zusammentreffen zweier Faktoren. „Aus diesen statistischen Zusammenhängen, die letztlich keine Bedeutung haben, evidenzbasierte Empfehlungen abzuleiten, das ist äußerst fragwürdig. In der Medizin würde man diese Vorgehen als unmora- lisch und unwissenschaftlich bezeichnen, aber in der Ernährung soll das die Basis staatlich finanzierter Volksaufklärung sein?“, fragt Kampagnenkritiker Knop [5].

Therapie & Vorbeugung von Krankheiten – was zählt?

Sowohl in der Therapie als auch in der Vorbeugung von Erkrankungen (Präventivmedizin) sind wissenschaftliche Beweise essenziell: „Für alle Maßnahmen oder Empfehlungen muss aus ethischen Gründen belegt sein, dass die Wahrscheinlichkeit des Nutzens größer ist als die des Schadens“, erläutert Prof. Dr. Dr. hc. Peter P. Nawroth, Di- rektor Innere Medizin und klinische Chemie am Universitäts- klinikum Heidelberg, „Beobachtungsstudien können das nicht, denn sie liefern keine Belege, sondern nur Hypothesen, nicht mehr.“ Für Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund, sind die zahlreichen Erkenntnisse aus Beobachtungsstudien „mit großer Wahrscheinlichkeit gar nur Artefakte einer schlampig ausgewerteten Statistik“ [6]. Da nutze auch ein häufiges Instrument der „Datenbereinigung“ nichts: das Herausrechnen möglicher Störfaktoren („Confounders“), um die statistische Beziehung eines einzelnen Faktors als „Ursache der Wirkung“ zu isolieren. So werden beispielsweise die Lebensstilfak- toren der Probanden um Alkoholkonsum, Sport, Gewicht und Rauchen „bereinigt“, damit die Forscher den Zusammenhang zwischen „Gemüsekonsum & Lebenserwartung“ isolieren können. Das Ziel dieser „Datenwäsche“ sind klarere Aussagen, dass „die bereinigten Faktoren keine Rolle mehr beim Studienergebnis spielen“, sondern nur noch der Gemüsekonsum als Ursache in Frage kommt. Diese statistischen Rechenspiele schärfen zwar eine Korrelation (Zusammenhang), liefern aber trotzdem niemals eine Kausalität (Beweis). „Sie können genauso gut die Daten von Beobachtungsstudien derart bereinigen, dass Sie einen klaren Zusammenhang zwischen der Strumpffarbe und der Lebensdauer herausrechnen – das macht diese Korrelation jedoch genauso wenig glaubhaft und bedeutsam wie der gleiche Bezug zwischen Gemüsekonsum und Lebenslänge“, erklärt Statistikexperte Krämer.

Hintergrund:

Ernährungsstudien – außer Hypothesen nichts gewesen?

Ernährungs-Beobachtungsstudien liefern nur Hypothesen, die einerseits spannend klingen, andererseits aber oft überinterpretiert wer- den – denn häufig wird nicht zwischen Korrelation und Kausalität unterschieden. „Ursache-Wirkungsabhängigkeit (Kausalität) wird dort behauptet, wo ausschließlich Zusammenhänge (Korrelationen) konstatiert werden dürfen, die eben so wenig ursächlich sein müssen oder können wie der Zusammenhang zwischen Storchenflug und Geburtenhäufigkeit“, erklärt Meyer [7]. Daher muss klinische Forschung diese Hypothesen überprüfen, bevor beispielsweise Empfehlungen wie „5x Tag Obst & Gemüse zur Gesundheitsförderung essen“ ihre Berechtigung haben. Denn diese Empfehlung kann erst dann erfolgen, wenn klinische Studien ihre „Wirksamkeit“ zweifelsfrei belegen. Derzeit aber ist unklar, ob es tatsächlich positive oder gar negative Effekte auf die Gesundheit der Menschen hat, die sich an die Regel „5x Tag Obst & Gemüse essen“ halten.

Quellenangaben:
[1] DGE-Pressemeldung: Unter Beobachtung: Ernährungsforschung mit der Bevölkerung, 21.03.2013
[2] DGE-Pressemeldung: 60 Jahre Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V., 21.03.2013
[3] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Fleisch rot, Mensch tot“, 01.04.2012, Nr. 13, S. 57 / sueddeutsche.de: Nahrung als Heilmittel – Falsche Früchtchen, 14.04.2011
[4] SPIEGEL online: Medizinische Studien beruhen oft auf ungeprüften Ver- mutungen, 23.07.2012
[5] Novo Argumente: Ba(h)r jeglicher Vernunft – Sinnloser Aktionismus ge- gen „dicke Kinder“, 06.08.2012 / Anti-Übergewichtskampagnen: Der staatlich forcierte Jo-Jo-Effekt, 26.10.2012
[6] Walter Krämer, 2011: Die Angst der Woche, S. 223: Wege und Irrwege der Epidemiologie
[7] Pressemeldung „Evidenzbasierter Wissenschaftsjournalismus scheint eine Utopie zu sein“, 17.04.2012, Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.
Verfasser dieser Pressemeldung / Kontakt:
Kontakt: Uwe Knop Diplom-Ökotrophologe Postfach 1166, 65701 Hofheim a.Ts., Telefon: 069 / 1707 1735 E-MailWebsite 

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