März-Märchen: Das gläserne Schloss

Marcel und Eric Schäffler

Das gläserne Schloss

spukschloss-0008.gif von 123gif.de

Am Ufer eines großen Sees stand eine saubere Hütte, die hatte Tino, der junge Fischer, von seinen Eltern geerbt. Die waren auch Fischersleute gewesen. Tino war ein hübscher, schlanker Bursche und brav war er auch. Aber der frühe Tod seiner Eltern hatte ihn ernst und still gemacht. Er ging nur seiner Arbeit nach, fuhr bei Tag und oft auch bei Nacht auf den See hinaus und warf seine Netze aus. Fiel der Fang reichlich aus, dann ging er zu dem nächsten Marktflecken und verkaufte die Fische an einen Händler. Wenn er dann in die Hütte heimkehrte, vermißte er seine Mutter sehr. Sie hatte immer so treu für ihn und den Vater gesorgt und in der Hütte war alles blitzblank gewesen. Da dachte er manchmal, es wäre gut, wenn er sich eine Frau nehmen würde. Aber wenn er sich dann die Mädchen aus dem nahen Dorf ansah, wollte ihm keine gefallen und so blieb er allein.

War er auf dem See draußen, dann mußte er an seinen Vater denken. Dem hatte er schon als Knabe beim Fischfang geholfen, und wenn sie dann mit dem Boot still lagen, dann erzählte der Vater immer so wunderschöne Geschichten. Am liebsten hörte er die von dem gläsernen Schloß. Das stand unten auf dem Grund des Sees, und drinnen wohnte die Seekönigin mit ihren drei schönen Töchtern. Man konnte ihren Gesang manchmal aus der Tiefe hören, und bei klarem Wasser konnte man auch das Schloß unten blinken und blitzen sehen.

An einem schönen Sommertag, als Tino mit dem Boot draußen auf dem See war, mußte er an die Erzählung des Vaters denken. Der Himmel war klar und blau und der See glatt wie ein Spiegel. Tino meinte, eine leisen Gesang aus dem Wasser zu hören. Er beugte sich über das Boot, um besser lauschen zu können. Doch er hatte sich wohl zu tief hinausgebeugt und stürzte auf einmal kopfüber in den See. Er sank immer tiefer und tiefer und fühlte auf einmal festen Boden unter den Füßen. Aber in seinem Kopf war ein Sausen und Brausen, er konnte weder sehen noch hören. Als seine Sinne wieder klar waren, schaute er um sich. Er befand sich in einem großen Garten. Darin standen viele Bäume und Sträucher. Inmitten des Gartens erhob sich ein Schloß. Da waren nicht nur die Fenster, sondern auch die Türen und Wände aus Glas. Tino mußte sich erst noch einmal die Augen reiben, aber es stand wirklich und wahrhaftig da, und es war gar prächtig anzuschauen mit seinen Türmchen und Zinnen.

Tino sah nun auch, daß die Bäume und Sträucher mit ihren herrlichen Blüten und Früchten aus Glas waren. Sie standen auf grünem Moosboden und die Wege waren mit feinem weißen Sand bedeckt. Er lag so eine ganze Weile und hörte auf einmal fröhliche Stimmen. Drei schön gekleidete Mädchen sprangen in dem Garten herum und spielten mit goldenen Bällen. Der einem entglitt der Ball und rollte auf den Strauch zu, unter welchem Tino lag. Das Mädchen eilte ihm nach, blieb aber erstaunt stehen, als sie Tino erblickte. Sie rief die beiden anderen Mädchen herbei und nun begann ein fröhliches Fragen. Wer er sei und wie er hier herunter gekommen wäre. Tino sagte, er sei ein Fischer und aus seinem Boot in den See heruntergestürzt. Da klatschen die Mädchen in die Hände und sagten: „Oh, das ist schön, da mußt du nun immer bei uns bleiben und unser Gespiele werden.“ Tino sah sich die Mädchen an. Sie waren sehr schön, hatten lange gelbe Haare und grünschimmernde Augen. „Wir sind die Töchter der Seekönigin“ sagte die eine. „Ich heiße Schwanhild, und das sind meine Schwestern Lilia und Iris. Komm, wir wollen dich zu unserer Mutter führen.“ Die Mädchen sprangen lachend voran und Tino folgte ihnen zögernd nach. Die Seekönigin saß auf einem prächtigen Thron von Gold und Perlmutter, umgeben von ihren Frauen. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch und Tino sah zu seinem Erstaunen, wie Wichtelmännchen goldene Teller und Becher darauf stellten und Kannen mit rotem und weißen Wein herbeischleppten. Die Seekönigin war sehr freundlich zu Tino und er durfte am Mahl teilnehmen. Als alle am Tisch saßen, öffnete sich die Tür noch einmal.

Ein Mädchen trat herein. Sie hatte in weißes Gewand an mit einem goldenen Gürtel darum. Zwei lange blonde Flechten hingen ihr über die Schulter herunter und ihre Augen waren hell und klar wie der See an einem schönen Sommertag. Sie hielt in hocherhobenen Händen eine goldene Schüssel und stellte sie vor der Königin nieder. „Das ist Magelone, die Gespielin meiner Töchter“ sagte die Königin. „Sie ist auf dieselbe Weise zu uns heruntergekommen wie du.“ Tino sah zu Magelone hin und er dachte bei sich, sie ist schöner als alle drei Prinzessinnen zusammen, denn sie ist stolz wie ein Schwan, rein und weiß wie eine Lilie und ihr Gesicht ist hold wie eine Irisblüte. Das Mahl verlief sehr fröhlich, denn die Männlein fiedelten und flöteten eine lustige Musik dazu. Aber Tino war froh, als es zu Ende war. Ihm war sehr unbehaglich zumute, denn es war hier unten schwül und warm, und als ihn dann die Wichtelmännchen in ein prächtiges Schlafgemach führten, da war es, als wollten die gläsernen Wände über ihm zusammenstürzen. Er lief noch einmal hinaus in den Garten. Aber da war es genau so schwül und die gläsernen Bäume standen glitzernd und unbeweglich da. In der Ferne hörte Tino einen leisen Gesang und er sah Magelone unter einem Baum sitzen. Sie hatte die Hände um die Knie geschlungen und sang leise vor sich hin. Tino ging näher und er hörte, wie sie sang:

„O Himmel und Sonne, o Wolken und Wind
es sehnt sich nach euch, der Erde Kind.
Doch für mich hin kann ich’s nur sagen,
darf niemandem mein Herzeleid klagen.“

Als Tino diese Worte hörte, tat ihm das Herz weh, denn Magelone sang sie nach einer süßen, aber unendlich traurigen Weise. Er trat leise an sie heran und sagte: „Aber mir kannst du alles sagen, denn auch ich will nicht hier unten bleiben. Komm, laß uns den Weg zur Erde suchen.“ Magelone schüttelte ihren Kopf und sagte: „Wie sollen wir durch das tiefe Wasser wieder zur Erde kommen?“ Dann erzählte sie ihm, daß sie auch niemanden mehr oben auf der Welt habe. Vater und Mutter wären gestorben und sie sei einmal bei stürmischem Wetter auf dem See gewesen und aus dem Boot gestürzt. Sie saßen noch lange beisammen und erzählten sich. Als sie sich trennten, sagte Tino: „Wir wollen treu zusammenhalten, wir zwei aus dem Menschenland.“

Tino mußte nun, genauso wie Magelone, immer für die Prinzessinnen da sein. Sie schenkten ihm schöne Kleider und er mußte mit ihnen spielen und tanzen. Wäre Magelone nicht gewesen, er hätte dieses Leben nie ertragen. Er sehnte sich nach seiner Arbeit, nach dem frischen Wind, der über dem See wehte, und die köstliche Speise, die Magelone täglich in der goldenen Schüssel zum Mahl hereintrug, hätte er gerne mit seiner einfachen Erdenkost vertauscht. Es gab hier unten weder Zeit noch Stunde, aber immer wenn Tino wähnte ein Tag wäre herum, brach er ein gläsernes Blatt von einem Baum und versteckte es. Als er hundert zählte, zog er seine alten Fischerkleider wieder an und ging zu Magelone. Er sprach zu ihr: „Drei Monde bin ich nun schon hier unten und ich ertrage dieses Leben nicht länger. Wir wollen zur Königin und zu den Prinzessinnen gehen und sie um unsere Freiheit anflehen.“ Als die Prinzessinnen die Bitten der Beiden hörten, erhoben sie ein großen Klagen. „Wer schmückt mich zum Tanz“, sagte Schwanhild, „Wer strählt mir mein Haar“, klagte Lilian und „Wer singt mich in den Schlaf“ weinte Iris. Doch die Beiden ließen nicht nach mit ihren Bitten und warfen sich der Königin zu Füßen. Da wurde diese unwillig und sprach.“ So ziehet denn hin, ihr törichten Menschenkinder. Hier unten wäre euch Frohsinn und ewige Jugend zuteil geworden. Ihr aber zieht es vor, euch auf der Erde zu mühen und zu plagen und dann zu sterben. Aber meine Töchter sollen wieder eine Gespielin aus dem Menschenland haben und darum mußt du, Magelone, uns dein erstes Kindlein versprechen. Wir wollen es holen, wenn es deiner nicht mehr bedarf.“ Magelone versprach es und dachte bei sich, vielleicht werde ich niemals ein Kindlein haben. Der Wassermann wurde geholt. Er wohnte in einem tiefen Brunnen unten im See und durch den Brunnen liefen alle Quellen, die dem See sein Wasser geben. Der Wassermann war uralt. Er hatte Schwimmhäute an Händen und Füßen und sein Gesicht war grau und rissig wie das Gestein am Brunnen. „Trage die Beiden zur Erde hinauf“ befahl ihm die Königin. Da nahm der Wassermann Tino und Magelone auf seine starken Arme und schlug seinen schützenden Mantel um sie. Dann trug er sie ruhig und sicher durch das tiefe Wasser hinauf zur Erde, und setzte sie unweit von Tinos Hütte am Ufer nieder. Als die Beiden die Erde unter ihren Füßen fühlten und den Himmel über sich sahen, weinten sie vor Freude. In Tinos Hütte fanden sie alles unversehrt und auch sein Boot war am Ufer angepflockt. Magelone blieb nun immer bei Tino, und sie wurde seine Frau. Zwar mußten sie sich erst wieder an harte Arbeit gewöhnen. Oft verbrannte Magelone sich die Hände am Herdfeuer, oder sie zerstach sich die feinen Fingerlein beim Netzeflicken. Aber sie war unverdrossen und es währte nicht lange, da glänzte und blinkte es in der Hütte genauso wie zu Lebzeiten der Mutter. Tino und Magelone waren sehr glücklich und sie empfanden ihr Glück viel mehr, als andere Menschen, denn für sie war jeder Tag ein Geschenk.

Als ein Jahr herum war, hielt Magelone ein Kind im Arm. Es war ein Mägdelein und sie nannten es Iris. Es wuchs heran und wurde der Mutter holdes Ebenbild. Aber Magelones ruhiges Glück hatte nun ein Ende. Sie dachte an ihr gegebenes Wort und sorgte sich und bangte um das Kindlein. Tino sah ihre Angst und tröstend sagte er: „Vielleicht hat es die Seekönigin vergessen, daß du ihr dein Kindlein versprechen mußtest, denn es ist ja nun schon drei Jahre alt.“ Aber die Seekönigin hatte es nicht vergessen. Eines Nachts, als Tino weit draußen auf dem See beim Fischfang war, hörte Magelone vom Ufer her ihren Namen rufen. Da erschrak sie und drückte ihr Kindlein fester an sich. Doch der Ruf wurde immer lauter und in der Luft war ein Brausen wie von einem starken Wind. Da stand Magelone auf und trat an das kleine Fenster. Sie sah, wie der See wild und ungebärdig wurde und wie große Wellen vom Ufer her auf die Hütte zustürzten. Leise sprach sie für sich hin: „Dein Haus und deinen Herd sollst du nach deiner Rückkehr wenigstens noch vorfinden, du, mein liebster Mann.“

Sie öffnete die Tür und rief: „Ich komme.“ Da wurde es stille in der Luft und die Wellen rollten zum See zurück. Magelone aber ging zum Ufer und sprang mit dem Kind hinab in den See. Doch der Wassermann, der das Kind holten sollte, fing sie mit seinen starken Armen auf und brachte sie unversehrt hinab ins gläserne Schloß. Da war die Freude groß. Die Prinzessinnen umringten Magelone und sagten: „O, das ist schön, daß du uns dein Kindlein selbst bringst. Raste eine Weile bei uns, ehe du zur Erde zurückkehrst.“ Da wurden Magelones Augen dunkel wie der See bei Nacht und mit leiser Stimme sagte sie: „Ich werde nicht wieder zur Erde zurückkehren, denn von dem Kindlein kann ich mich nicht trennen.“ Da verstummte alles Lachen im gläsernen Schloß und die Königin verspürte eine Regung im Herzen, die sie nie zuvor gekannt hatte. „Ihr müßt auf das Kindlein verzichten“, sprach sie zu ihren Töchter. „Wenn Menschenmütter so lieben können, dann müßt ihr ein Opfer bringen. Magelone mag bei uns bleiben, solange sie mag und dann mit dem Kindlein zur Erde zurückkehren.“ Da wurden Magelones Augen wieder hell und dankerfüllt beugte sie ihr Knie vor der Königin und sagte: „Laßt mich ohne Rast zurückkehren, damit mein liebster Mann sich nicht zu lange um mich härme.“ Da trug sie der Wassermann wieder ruhig und sicher hinauf zur Erde.

Tino war im Morgengrauen zurückgekehrt. Als er die Beiden in der Hütte nicht fand, war sein Schmerz groß. Er suchte sie auch nicht, denn er ahnte, was sich hier begeben hatte. Still und traurig saß er auf seinem Lager. Er hörte die leisen Schritte nicht, die sich der Hütte näherten. Erst, als sich die Tür öffnete und Magelone mit dem Kind eintrat, sah er auf. Sie legte ihm das Kind in den Arm und sagte: „Nun bleiben wir immer bei dir.“ Da wurden die Beiden wieder glücklich wie zuvor und arbeiteten gemeinsam um ihr tägliches Brot. Waren ihre Tage auch voller Mühe und Plage, so hätten sie doch nicht einen eingetauscht gegen hundert Tage voller Frohsinn unten auf dem Grunde des Sees, im gläsernen Schloß.

Überarbeitet von Monika Friedmann

Kommentare sind geschlossen.