Martin Suter – ein begnadeter Autor

Martin Suter – ein begnadeter Autor

Egal welchen Stoff Martin Suter anpackt: früher oder später stehen viele Suterianer mitten in der Nacht auf, um ohne Ablenkung zu erfahren, wie „es“ weitergeht. Selbst wenn, wie beim letzten literarischen Niederschlag des in Ibiza und Guatemala heimischen Schweizer Autors: Die Zeit, die Zeit, die chirurgisch-genialen Haarspaltereien über „die Zeit“ zeitweise nerven und vielleicht die Frage aufwerfen, ob man den roten Faden eigentlich noch in der Nadel oder längst verloren hat… Immer wieder schafft es Suter mit feinem Humor, großem Detailwissen und akribischer Umsetzung, dass man seine Romane nicht (wie die vieler anderer Autoren) mittendrin abgelegt und einfach vergisst. Sogar seine Danksagungen sind witzig: … „und meine kleine Tochter Ana hat am Bildschirm versehentlich eine Passage gelöscht, die sich im Nachhinein als überflüssig herausstellte.“ Martin Suter ist unbestrittener Meister seines Fachs und hört hoffentlich nie auf, zu schreiben. Nachfolgend ein paar persönliche Eindrücke. Ausführliche Details zu Martin Suter und seinen Publikationen. Verlag: Diogenes, Schweiz. (R.Sutor/PTM)

Die Zeit, die Zeit

Feinmaschige Zeitgespinste -konstruktionen und -fenster, durch die zu blicken der Leser/Hörer gezwungen ist, falls er wissen will, worauf Suters Zeitstudien hinauslaufen. Was wiedrum darauf hinausläuft, dass man letztlich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob die Zeit wirklich das ist, was man sich angewöhnt hat, darunter zu verstehen. Ob sie real ist oder ob man sich doch unverzüglich dranmachen sollte, alte Bäume und Situationen durch frische Setzlinge etc. zu ersetzten, um (vermeintlich?) verlorene, da vergangene Umstände, Zustände und vor allen Dingen geliebte Menschen zurückzuholen bzw. gar nicht erst zu verlieren. Also einfach die Zeit zurückdrehen… Qualvolle Verluste kommen ins Spiel, welche rückgängig zu machen jede Handlung rechtfertigen – inklusive Mord. Nichts begriffen? Dann nehmen Sie sich die Zeit, zu lesen (oder hören).  Die Zeit, die Zeit – Leseprobe

 

ALLMEN … Suters neue Krimireihe

In den wunderbaren Diogenes-„Schmutztiteln“ findet man die dezent versteckte Thematik der Romane wieder. Zum Beispiel kleine Libellen oder rosa Diamanten. Wobei unsere Redaktion in letzterem einen kleinen, hineingeschmuggelten USB-Stick vermisst hat. In Suters neuer Krimireihe geht um große Werte – in mancherlei Hinsicht. Wobei der abgehobene Allmen (Adel verpflichtet) immer „ein klein wenig“ – alles relativ – über die eigenen Verhältnisse lebt während ihn sein zum Partner mutierter Lakai, der bodenständige Carlos, sehr dezent auszubremsen versucht… Allmen und der Rosa Diamant-Leseprobe  Die geniale Symbiose aus glaubwürdiger Vornehmheit, Hochstapelei, Dekadenz und Zuverlässigkeit zwischen Allmen und Carlos, wird nur noch durch eine nicht zu leugnende Durchtriebenheit getoppt und legt gewisse Naturellvergleiche nahe – äh? Allmen und die Libellen – Leseprobe

 

Ein perfekter Freund

Einfach genial, wie Suter diesen Roman aufbaut, wie er die Spannung am Leben erhält, die Leser an der Nase herumführt und wie er die ganze Geschichte enden lässt… Hat Fabio Rossi den Verstand verloren oder durch eine Kopfverletzung – deren Urheber erst mal aufzuspüren ist – endlich gefunden? Wer hat wem die Frau ausgespannt? Welcher Frau kann man vertrauen? Wer hat wen hintergangen? Und wenn ja: warum? Und Lucas Jäger? Ist er wirklich der „beste Freund“, für den man ihn immer gehalten hat oder das eigentliche Schwein in der ganzen Geschichte? Bis zum Schluss bleibt die Hochspannung erhalten. Auch Kriminelles wird durchaus menschlich und legt den Schluss nahe, dass sogar der innere Schweinehund, den ja bekanntlich jede/r beherbergt, bei Suter immer begeistert mitliest…

 

Der Teufel von Mailand

Farben hören, Formen schmecken, Geräusche sehen… Solcherlei, durch Drogenkonsum potenzierte Fähigkeiten einer Synästhetikerin, hier in der Person der Physiotherapeutin Sonja, laufen inmitten der gespenstischen Schweizer Bergwelt – wo sie doch eigentlich zur Ruhe kommen sollten –  zur Höchstform auf. Auch die teuflisch schöne Wellnesshotelchefin Barbara Peters legt so manchen Schluss nahe. Alle Sinne (und Unsinne) glaubhaft ins Spiel zu bringen, darauf versteht sich Suter meisterlich. Mystisches und Sagen-haftes wird akribisch recherchiert und in phantastische Geschichten verwoben. Wo der Teufel dann im Detail sitzt weiß man nie so genau, auch wenn man den Schwefelgeruch (… oder war’s ein -geschmack?) beim Lesen oder Hören fast schon in der Nase oder auf der Zunge zu spüren glaubt. Teufel Teufel! Der Teufel von Mailand – Leseprobe

 

Small World

Perfidität gepaart mit Alzheimer ist ein hervorragender Psycho-Stoff für Buch, Hörbuch und Film. Besonders dann, wenn er von Martin Suter in Romanform gegossen wird. Vertauschte Kinder, vertauschte Rollen, gestohlene Identitäten und Leben und schmerzhafte, schwelende Erinnerungen daran, die umso stärker aus dem Langzeitgedächtnis von Konrad Lang auftauchen, je mehr sein Kurzzeitgedächtnis in der Alzheimerkrankheit untergeht.

Es heißt: „Wenn man das Buch gelesen hat, sollte man sich den Film sparen, da er nie die Qualität des Gelesenen erreichen kann“. Small World lässt sich in beliebiger Form und Reihenfolge konsumieren: Buch, Hörbuch und Film. Alles ist hervorragend. Wobei ich  persönlich Gérard Depardieu nicht für die Idealbesetzung des Konrad Lang halte. Mir fehlt ein klein wenig das gelegentliche Aufblitzen einer tief verschütteten Vornehmheit Konrads, den kaltblütiges Kalkül gnadenlos zum  „Wechselbalg aus Berechnung“ gemacht hat. Aber das ist reine Geschmacksache… Trotzdem würde ich auch den Film jederzeit wieder genießen. Small World – Leseprobe

***

Wir machen uns einen Reim drauf:

Was Suter schreibt 
bleibt 
im sinn 
es treibt 
zu lesen
ermessen 
was geht
was steht
zwischen zeilen
 
langweilen?
nie!
 
(R.Sutor/PTM)

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