Januar-Märchen: Die Waldprinzessinnen

Marcel und Eric Schäffler 

Die Waldprinzessinnen

frosch-0022.gif von 123gif.de Download & GrußkartenversandEs war einmal ein König, der wohnte in einem großen, tiefen Wald und alle Bäume und  Tiere waren ihm untertan, denn er war ein Waldkönig. Er hatte zwei liebliche Töchter, Rotraut und Waltraut, die seine größte Freude waren, denn sie brachten durch ihren Frohsinn den Sonnenschein in sein düsteres Waldschloß. Seit dem Tode der Königin liebte er sie noch inniger und er konnte ihnen keine Bitte abschlagen. So hatte er nichts dagegen, wenn sie stundenlang im Wald allein herumstreiften. Sehr zum Verdruß der Frau Oberhofmeisterin, die dem kleinen Hofstaat des Königs vorstand. Sie wollte die beiden gerne wie vornehme Prinzessinnen erziehen und sie verübelte es dem König sehr, daß er sie wie schlichte Waldmägdelein heranwachsen ließ. Sie sah es viel lieber, wenn Rotraut und Waltraut am Stickrahmen saßen oder sich im Saitenspiel übten. „Ihr wollt doch auch einmal Königinnen werden“ sagte sie, „und da müßt ihr solche Künste verstehen.“ Aber die Schwestern hatten keinen Gefallen daran und sie entwischten der gestrengen Frau so oft sie nur konnten.

Viel schöner fanden sie es im Walde. Da kannten sie jeden Weg und jeden Steg. Die Tiere hatten keine Scheu vor ihnen, ließen sich streicheln und nahmen das Futter aus ihrer Hand. Wenn sie so daherkamen, da neigten die Waldbäume ihre Wipfel und einer flüsterte dem anderen zu: „Die Waldprinzessinnen kommen, seht nur, wie hold sie sind.“ Es gab aber auch nichts schöneres, wie die beiden Schwestern. Immer hatten sie Kränze von frischen Waldblumen in den braunen Locken und ihre Augen leuchteten blau wie die Glockenblumen, die an sonnigen Stellen des Waldes blühten. Singend und jubilierend liefen sie umher, und ihr Zweigesang war so schön, daß alles ringsum lauschte. Die Waldvögel stellten ihr Singen ein und sagten: „Sie können es schöner als wir.“ Ja, selbst der Waldbach, der es sonst immer so eilig hatte mit seinem Lauf, hielt eine Weile inne und hörte zu. Dann hüpfte er fröhlich über die moosigen Steine weiter. Immer hatten die Schwestern kleine Erlebnisse im Walde. Wenn sie dann am Abend mit dem König und dem Hofstaat vereint an der Tafel saßen, dann erzählten sie so fröhlich davon, daß alle lachten. Nur die Frau Oberhofmeisterin machte ein strenges Gesicht und sagte, das schicke sich alles nicht für Prinzessinnen und es könnte ihnen wohl mal ein Leid zustoßen. Aber der Waldkönig beruhigte sie und meinte, in seinem Waldreich würde niemand seinen Kindern etwas Böses antun. Nur das Sumpfmoor könnte ihnen Gefahr bringen, aber das wüßten sie ja.

Das Sumpfmoor begann am Rande des Waldes. Es wurde von einer Zauberin beherrscht, der Fee Liane. Sie war dem König sehr feindselig gesonnen, denn sie wäre selbst gern Waldkönigin geworden. Doch der König hatte sie verschmäht, weil er wußte, daß sie ebenso schön wie grausam und falsch war. Rotraut und Waltraut wußten, daß sie das Sumpfmoor zu meiden hatten, doch vom Waldrand aus spähten sie oft neugierig darüber hin. Es dünkte ihnen so geheimnisvoll und es wuchsen so wunderschöne Blumen dort. Die Fee Liane hatten sie auch schon oft gesehen. Sie war schön wie eine Blume vom Sumpfmoor und ihr Haar schimmerte so golden, wie der Reif, der es zusammen hielt. Wenn die Fee merkte, daß die Schwestern in ihrer Nähe waren, rief sie laut und lockend ihre Namen und winkte ihnen freundlich zu. Aber Rotraut und Waltraut achteten nicht darauf und zogen sich wieder tiefer in den Wald zurück.

Eines Tages wurden sie in der Nähe des Sumpfmoores von einem heftigen Unwetter überrascht. Als das Wetter vorüber war, wollten sie zum Waldschloß zurückeilen. Der Weg führte über den Waldbach. Er war stark angeschwollen und das Wasser hatte den Steg hinweg gerissen. Da mußten sie einen Umweg machen und, da es bereits dunkelte, verloren sie die Richtung und irrten hin und her. Endlich sahen sie in der Ferne ein Lichtlein schimmern. Als sie aber in seine Nähe kamen, merkten sie, daß es nur ein Irrlicht war und daß sie sich auf dem Sumpfmoor befanden. Da erschraken sie sehr und wagten keinen Schritt mehr vor- und rückwärts zu tun. Eng umschlungen bleiben sie stehen und wollten so den Morgen erwarten. Als dann aber der Mond hinter einer Wolke hervorkam, wurde das Moor in ein gespenstiges Licht getaucht, und Rotraut und Waltraut sahen mit Entsetzen, wie die Fee Liane auf sie zuschritt. Sie wollten entfliehen, aber schon stand sie vor ihnen. Ein seltsames Flimmern und Leuchten umgab sie, denn der Schleier, der sie einhüllte, war mit unzähligen Leuchtkäferchen besetzt. Sie sah wunderschön aus, aber ein grausamer Zug entstellte ihr Gesicht. „Habe ich euch endlich, ihr hochmütigen Waldprinzessinnen“ schrie sie die beiden an. „Bisher seid ihr dem Moor ferngeblieben, nun sollt ihr für immer hier stehen.“ Sie nahm ihren Zauberstab, berührte die beiden und verwandelte sie in zwei Birkenbäumchen. „So,“ sagte sie, „nun habt ihr eure menschliche Gestalt verloren und werdet sie nicht wiedererlangen. Es sei denn,“ spottete sie weiter, „ihr könntet wieder zu eurem Vater zurücklaufen.“ Mit einem Hohnlachen lief sie davon.

Bebend standen die beiden Birken und zitterten an allen grünen Blättchen und eine flüsterte der anderen zu:

„Schwesterlein, hörst du mich?“
„Ja, Schwester ich höre dich!“
„Was wird der Vater sagen,
wird um uns Kummer tragen.“
„Weh, daß wir über Nacht,
ihm dieses Leid gebracht.“

Dann wurde es ganz still und nur das leise Klagen des Nachtwindes ging über das Moor. Der hatte alles gehört und gesehen und er erzählte es dem Morgenwind. Als der dann in der Frühe mit leichten Füßen über das Moor ging, sah er die beiden schönen Birken stehen und strich leise und zärtlich über sie hin. Zwei Waldtauben kamen geflogen, setzten sich zu ihren Füßen und sagten: „Gurr-gurr, wir haben alles gehört.“

Der Waldkönig war außer sich über das Verschwinden seiner Töchter. Er durchstreifte mit seinen Jägern Tag und Nacht den Wald, aber die Prinzessinnen waren spurlos verschwunden. Da ging er an den Rand des Sumpfmoores und rief laut ihre Namen. Aber niemand antwortete ihm und nur ein lautes Hohngelächter der Fee Liane klang an sein Ohr. Da wußte der König, daß sie seinen Kindern ein Leid angetan hatte. Tief bekümmert ritt er heim, denn über das Sumpfmoor hatte er keine Macht.

Inzwischen waren die Waldtauben überall herum geflogen und hatten die traurige Mär erzählt. Da versammelten sich die Tiere des Waldes auf einer Wiese und hielten Rat. „Wir müssen den Waldkönig wieder froh machen und seine Töchter erlösen. Sie waren immer so gut.“ sagten die einen. „Aber wie sollen wir das anfangen?“ klagten die anderen. Da trippelten kleine Waldmäuschen in den Kreis und sagten: „Wir wollen es tun! Wir graben mit unseren Brüdern und Schwestern einen Gang bis zu den Wurzeln der Birken. Dort wühlen und lockern wir die Erde, auf daß sie ihre Wurzeln herausziehen können. Aber die schnellsten Füße des Waldes müßten sie dann zum König tragen.“ Zwei edle Hirsche traten hervor und sagten: „Wir haben die schnellsten Füße des Waldes, wir wollen sie zum König tragen.“ „Gur-gurr“ sagten die Waldtauben, „Hütet euch aber vor dem alten Uhu, der auf der großen Eiche sitzt und bei Nacht die Birken bewacht, und vor dem Raben, der ihn am Tage ablöst.“ Noch in derselben Stunde begannen die Mäuschen ihr Werk und als die ersten Sonnenstrahlen die Birken auf dem Sumpfmoor wach küßten, hatten die treuen Tiere den Gang bis zu den Wurzeln der Birken gegraben. Am Waldessaum hielten sich die Hirsche bereit. Die Waldtauben kamen geflogen und sagten: „Gurr-gurr, die Stunde eurer Erlösung ist da. Zieht eure Wurzelfüßchen aus der Erde!“ Da hoben die Birken ihre Wurzeln aus der Erde heraus. Die Hirsche kamen gesprungen, nahmen sie auf ihr Geweih und liefen mit ihnen davon.

Der alte Uhu hatte mit glühenden Augen die ganze Nacht auf die Birken geschaut. Was aber unter der Erde geschah, konnte er nicht sehen. Nun war er müde und wartete auf den Raben, der ihn ablösen sollte. Als der geflogen kam, sah er gerade, wie sich die Birken aus der Erde hoben. Da kehrte er blitzschnell um, flog zur Fee Liane und erzählte ihr alles. Die schwang sich auf einen wilden Eber, der gerade über das Moor trabte und jagte mit ihm zu den Birken hin. Die verschwanden aber in demselben Augenblick im Walde. Da raste sie in ihrer blinden Wut hinterher. Doch die Jäger des Königs, die in der Nähe pirschten, sahen sie kommen, sie töteten den Eber mit ihren Pfeilen. Er stürzte zur Erde, mit ihm die Fee und der Zauberstab entglitt ihrer Hand. Die Jäger ergriffen ihn, denn ohne ihn war sie machtlos. Sie bedrohte und verwünschte die Jäger, aber es half ihr alles nichts. Sie wurde gefesselt und zum König geführt.

Der hatte eine kummervolle Nacht hinter sich und saß traurig unter den Tannen vor seinem Waldschloß. Da stürzten die beiden Hirsche heran. Sie hielten die Birkenbäumchen noch fest auf ihrem Geweih, knieten vor dem König nieder und legten sie ihm zu Füßen. Der König stand auf und verwunderte sich sehr. Als er aber die Birken mit seiner Hand berührte, standen seine Töchter frisch und lebensfroh vor ihm. Sie lachten und weinten vor Glück, und in ihrer übergroßen Freude faßten sie den König bei der Hand und tanzten mit ihm im Kreis herum. Das hörte man im Schloß und nach und nach kam alles heraus, erst das Gesinde und dann der Hofstaat. Beim Anblick der Prinzessinnen wurden alle rein närrisch vor Freude. Sie faßten sich an den Händen und tanzten um den König und die Prinzessinnen herum. Sogar die Frau Oberhofmeisterin vergaß ihre Würde und tanzte mit.

Mitten in diese Freude hinein kamen die Jäger mit der gefangenen Zauberin. Aber wie sah die schöne Fee aus! Zerrissen das Gewand, zerzaust ihr goldenes Haar und gefesselt an den Händen! Die Jäger gaben dem König den Zauberstab und berichteten alles, was sich zugetragen hatte. Der König nahm den Stab und ging damit zu Liane. „Mir liegt nichts an deinem Leben“ sagte er, „aber du sollst hinfort keinen Schaden wieder anrichten, und als Strafe für deine Missetat sollst du in eine Eule verwandelt werden.“ Er berührte sie mit dem Zauberstab und die schöne Fee schrumpfte zusammen und wurde eine häßliche Eule. Mit einem schrillen Klagelaut stieg sie hinauf in die Luft und flog dem Sumpfmoor zu. Da waren alle wie erlöst, denn die böse Zauberin hatten Mensch und Tier gefürchtet im Waldreich.

Als Rotraut und Waltraut zum ersten mal wieder durch ihren geliebten Wald schritten, da schmetterten die Vöglein laute Jubellieder und die Waldbäume neigten ihre Wipfel noch tiefer. Hirsch und Reh kamen heran und folgten den Schwestern nach. Die Waldtauben flogen herbei und setzten sich zutraulich auf ihre Schultern. Da wollten auch die Waldmäuschen nicht fehlen, kamen aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schlossen sich dem Zuge an. Die Schwestern waren glückselig und sagten: „Wir danken euch, ihr treuen Tiere, ihr habt uns erlöst.“

Der Waldkönig hatte noch viel Freude an seinen Töchtern und sie wurden immer schöner. Aber auch die Frau Oberhofmeisterin hat recht behalten. Rotraut und Waltraut sind wirklich Königinnen geworden. Zwei edle Prinzen haben um sie gefreit. Sie wurden sehr glücklich, doch ihres Vaters Waldreich und das Sumpfmoor haben sie nie vergessen.

Überarbeitet von Monika Friedmann

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