02.03.-30.09.12 true stories

true stories. Amerikanische Fotografie aus der Sammlung Moderne Kunst. Pinakothek der Moderne 02.03.-30.09.2012 (Pinakothek der Moderne, Saal 21)

Robert Adams, John Baldessari, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Lee Friedlander, John Gossage, Dan Graham, Zoe Leonard, Nicholas Nixon, Richard Prince, Martha Rosler, Judith Joy Ross, Ed Ruscha, Stephen Shore, Garry Winogrand. Dan Graham (*1942), View Interior, New Highway Restaurant, Jersey City, N.J., 1967, C-Print 1996, seit 2003 Dauerleihgabe der Siemens AG für die Sammlung Moderne Kunst © Dan Graham

Die amerikanische Fotografie bildet einen umfangreichen und zugleich hochkarätigen Sammlungsschwerpunkt, der erstmals in einem konzentrierten Überblick vorgestellt wird. Das zentrale Interesse junger Fotografen, die sich seit den späten 1960er Jahren mit den veränderten politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Bedingungen der amerikanischen Lebensrealität auseinandersetzen, gilt der American Social Landscape. Sie entwickeln neuartige Bildformen, die als genuin amerikanisch empfundene, zugleich auch international rezipierte Stilmittel definieren. Während die schon heute zu den modernen Klassikern zählenden Fotografen Lee Friedlander, Garry Winogrand, Robert Adams, Lewis Baltz oder Larry Clark weiterhin der Schwarzweißfotografie verpflichtet bleiben, haben vor allem William Eggleston und Stephen Shore die Farbfotografie als künstlerisch eigenständige Ausdrucksform etabliert. Die Ausstellung führt rund 100 Werke zusammen, die sich sowohl dank der Siemens Fotosammlung als auch aufgrund von Erwerbungen, Stiftungen und Schenkungen in Museumsbesitz befinden. true stories spannt den weiten Bogen von der Straßenfotografie der späten 1960er Jahre über die New Topographics bis hin zu den erst vor einigen Jahren entstandenen New York Fotografien der Künstlerin Zoe Leonard.

»Es gibt eine neue Generation von Fotografen, die den dokumentarischen Ansatz ins Persönliche wenden. Ihre Arbeiten lassen eine Neigung für das Unvollkommene, Fragile der Gesellschaft erkennen. Ihnen geht es nicht darum, das Leben zu verbessern, sondern es zu kennen.« Mit der Ausstellung New Documents läutete der einflussreiche Foto-Kurator am New Yorker Museum of Modern Art, John Szarkowski, im Frühjahr 1967 eine neue Ära der amerikanischen Fotografie ein. Die vertretenen Fotografen, neben Diane Arbus, Lee Friedlander und Garry Winogrand, standen für eine veränderte Haltung innerhalb der dokumentarischen Fotografie, die ausschließlich von der subjektiven Sicht auf die Wirklichkeit des einzelnen bestimmt war. Der Gegenstand des fotografischen Interesses war die American Social Landscape und ihre Bedingungen. Es ging dabei weniger um die Natur-Landschaft und deren zunehmende kulturelle Überformung, als um den urbanen oder urbanisierten Raum und das Agieren des Menschen in ihm. Dabei verweigerten sich die neuen Dokumentaristen einem offenkundigen aufklärerischen Impetus, sondern wendeten sich dem Alltäglichen und Gewöhnlichen zu.

Eine Gegenbewegung zu dieser subjektiven Ausdrucksform stellte die Ausstellung New Topographics:Photographs of a Man-Altered Landscape dar, die Mitte der 1970er Jahre vom International Museum of Photography in Rochester organisiert wurde. Ihre Protagonisten, unter ihnen Robert Adams, Lewis Baltz, Nicholas Nixon und Stephen Shore, beriefen sich zwar ebenfalls auf eine dokumentarische Haltung und Vorbilder wie Walker Evans und Robert Frank, doch sahen sie sich vor allem in der Tradition der topographischen Fotografie des 19. Jahrhunderts. Als wesentlicher Initiator dieser ausdrücklich nicht um Stil bemühten Arbeitsweise gilt der in Los Angeles ansässige Künstler Ed Ruscha. Eine distanzierte, analytisch anmutende und zugleich urteilsfreie Beschreibung ist ihr zentrales Anliegen, ihr Thema die vom Menschen veränderte Landschaft. Es ist vor allem das von Mythen und Wunschvorstellungen geprägte Bild des amerikanischen Westens, das durch Kommerzialisierung und ökologischen Raubbau schon lange von der Realität eingeholt wurde, das in ihren Werken sichtbar wird.

Der entscheidende Quantensprung auf dem Weg zur Etablierung der Farbfotografie vollzog der Südstaatler William Eggleston mit seiner 1976 ebenfalls im New Yorker Museum of Modern Art gezeigten Ausstellung sowie der Veröffentlichung des William Eggleston’s Guide. Die harsche öffentliche Kritik an seinen Bildern galt nicht dem Einsatz von Farbe, sondern dem Umstand, dass Eggleston bis dato als nicht bildwürdig erachtete Dinge und Alltagssituationen – der Blick in ein vereistes Kühlfach oder auf eine Tankstellenwerbung – aus dem Moment heraus und scheinbar nachlässig fotografierte, um sie dann mittels des kostspieligen und aufwendigen Dye-Transfer-Verfahrens in exquisite Prints zu übersetzen. In Egglestons Bilderkosmos, der stark von der Motivwelt und dem Licht des Mississippi Deltas geprägt ist, ist Farbe bildkonstituierend. Der mit dieser Ausstellung einsetzende »rush to colour« führte in den folgenden Jahren zu einer flächendeckenden Durchsetzung der Farbfotografie im Bereich der künstlerischen Fotografie, von den USA ausgehend auch in Europa und vor allem in Deutschland.

Mit Ende der 1970er Jahre etablierte sich eine künstlerische Haltung, die unter Rückgriff auf vorgefundenes Bildmaterial aus Kunst, Film, Werbung oder den Massenmedien neue Bildvorstellungen formuliert und im gleichen Atemzug tradierte künstlerische und kunsthistorische Kategorien wie Autorenschaft, Originalität, Einzigartigkeit, geistiges Eigentum und Authentizität zur Diskussion stellt. Entscheidende Einflüsse verdankt die Appropriation Art dem in Kalifornien lebenden und lehrenden Künstler John Baldessari, einer ihrer bekanntesten Vertreter ist Richard Prince, der vor allem durch seine künstlerischen Adaptionen von Werbebildern bekannt wurde. Aber auch die Konzeptkunst der 1960er und 70er Jahre bediente sich der Fotografie, sowohl als Teil einer mit unterschiedlichsten Materialien agierenden künstlerischen Praxis als auch als singuläres Medium, um Aktionen, Happenings oder Performances zu dokumentieren. Wie das Werk von Dan Graham oder Zoe Leonard deutlich macht, sind die ehemals strikten Grenzen zwischen einer sich auf die eigene, medienimmanente Geschichte beziehenden Fotografie und der Verwendung von Fotografie als künstlerische Strategie fließend geworden.

Begleitend erscheint ein Ausstellungsmagazin, 16 Euro

Verantwortliche Kuratorin: Dr. Inka Graeve Ingelmann. Sammlung Fotografie und Neue Medien

Filmisches Rahmenprogramm

Das filmische Rahmenprogramm umfasst Werkstattgespräche mit Robert Frank, Garry Winogrand und Stephen Shore, die der Fotograf und Regisseur Michael Engler 1982 vor Ort geführt hat. Ausgewählte Dokumentationen zu Leben und Werk, u.a. von John Baldessari (2006, Regie: Jan Schmidt-Garre), William Eggleston (2008, Regie: Reiner Holzemer) und John Szarkowski (1998, Regie: Sandy McLeod ) werden im Ernst von Siemens-Auditorium gezeigt, Sonntagsmatinee, 8., 15. und 22. Juli, jeweils 11 Uhr.

Pressekontakt Tine Nehler M.A.

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