bis 1.4.12 Sammlung Goetz

Ryan Trecartin Valentine's Day Girl, 2001 Still 1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton) 7‘ Courtesy Sammlung Goetz30.09.11-01.04.12 Haus der Kunst Why I Never Became a Dancer. Sammlung Goetz

„Jede Generation hat ihre eigene Kultfigur, ihre eigene Sprache, ihre eigene Musik und ihre eigene Mode und Ausdrucksweise. Bis sie sich gefunden hat, wird alles ausprobiert: von einem bestimmten Lebensstil über Drogen bis hin zur virtuellen Welt des Internets. Das möchte ich hier gerne zum Ausdruck bringen.“ (Ingvild Goetz) Die Ausstellung „Why I Never Became a Dancer“ präsentiert 
15 Videoarbeiten internationaler Künstler, die sich mit dem Thema Jugend auseinander setzen: Sie untersuchen soziale Verhaltensmuster von Jugendlichen auf gesellschaftlicher und privater Ebene. Dabei steht nicht nur die heutige Generation im Fokus, sondern auch die Jugendkultur der vergangenen 30 Jahre. (Foto © Ryan TrecartinValentine´s Day Girl, 2001Still1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton)7‘Courtesy Sammlung Goetz)

Familienleben und Kindheit Tracey Emin nimmt uns in ihrer titelgebenden Arbeit „Why I Never Became a Dancer“ mit in ihre Jugend in Margate, England. In starkem Kontrast zu den Schauplätzen ihrer Jugend steht Tracey Emins Stimme aus dem Off, die von ihren wahllosen sexuellen Beziehungen berichtet. Mit 15 Jahren stoppt Emin diese Ausbrüche. Das Gefühl der Selbstbestimmung über ihren Körper drückt sie nun durch Tanz aus. Während eines Disco-Tanzwettbewerbes träumt sie davon, berühmt zu werden und Margate zu verlassen. Die Rufe „Slag, Slag, Slag“ („Schlampe, Schlampe, Schlampe“) aus dem Publikum holen sie jedoch hart in die Realität zurück. Die Aufnahmen, die sie 1995 tanzend in ihrem Atelier zeigen, zeugen von ihrem Triumph über das Publikum von damals: Tracey Emin hat Margate längst verlassen und lebt in London als erfolgreiche Künstlerin.

Persönliche Berichte von Kindern über Alltagssituationen, aber auch von Sorgen, Einsamkeit und Verletzungen vermittelt Gillian Wearing. Die Inszenierung verwirrt zunächst, da erwachsene Personen ihre Lippen synchron zu den Kinderstimmen bewegen und deren Körpersprache nachahmen. Wie in einem Spiegel wird dem Betrachter vorgehalten, welche kindlichen Verhaltensweisen er selbst im Laufe der Jahre abgelegt hat. Das Gesagte, die Traumata und Verletzungen scheinen nun aus den Erwachsenen hervorzubrechen. Ein Mann, in dem ein Junge steckt, berichtet von seinen Alkoholproblemen: „I feel like I’m a man in a boy’s body and I like drinking …“.

Die Lebenswelt eines kleinen Mädchens verbildlicht Doug Aitken. Dabei wechseln sich Bilder von Kinderspielen mit Bildern eines Geisterautos, eines Flugzeuges am Himmel oder die Fahrt eines Trucks mit einem mobilen Haus ab. Das Mädchen flüstert eindringlich wiederholend: „You can’t stop“. Und vermittelt das Gefühl, dass die Zeit läuft – rennt – dass die Kindheit oder das gesamte Leben nur ein kurzer Moment sind. In der Erinnerung bleiben nur kurze, einander jagende Sequenzen haften.

Scheinbar ein ganzes Familienleben rafft Rosemarie Trockel in ihrer 
14-minütigen Videoinstallation zusammen: Abfolgen von Fotografien und bewegten Szenen zeigen immer wieder dieselben Kinder und Erwachsenen bei Alltagsszenen, Urlaubssituationen, Freizeitaktivitäten. Gemein ist den Protagonisten, dass sie alle von Rosemarie Trockel selbst gestrickte Kleidung tragen. Der Betrachter reist durch die Strick-Bilderwelten der Künstlerin und versucht unwillkürlich, daraus eine Handlung – ein Familienleben – zu stricken. Doch alle gefilmten Personen sind Freunde und Bekannte der Künstlerin, und das Video entstand in nur einem Monat.

Soziale Verhaltensweisen

Einige Arbeiten widmen sich Jugendlichen und ihren Verhaltensweisen im Freundeskreis. Vor der Filmkamera von Rineke Dijkstra in „The Buzzclub, Liverpool, UK / Mysteryworld, Zaandam, NL“ wiederholen Jugendliche in einem leeren Nebenraum die Handlungen, die sie eben noch in der Masse in einer Diskothek ausführten. Der Betrachter sieht eine isolierte Modellsituation mit authentischen Personen, die unverwechselbar sind. In der Masse der Diskothek war dies nicht auszumachen. Vor der Kamera pendeln die Jugendlichen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität zwischen Stereotypen und Natürlichkeit.

Martin Brand und Tobias Zielony veranschaulichen das Verhalten Jugendlicher Randgruppen: Martin Brand begleitet in „Station“ eine Gruppe linker Jugendlicher durch ihren Alltag in Bochum. Dabei bewertet er nicht, sondern beobachtet zurückhaltend. Er schafft Raum für Vertrautheit, in der die Jugendlichen sowohl ihre Zugehörigkeiten als auch Verwirrungen – die Übergangsphase zum Erwachsenwerden – frei offenbaren. Tobias Zielonys Diaprojektion „Behind the Block“ zeigt Ausschnitte der Lebenswelt von Jugendlichen in sozialen Brennpunkten von zum Beispiel Marseille.

Die Videoarbeiten von Beat Streuli und Nina Könnemann geben alltägliches Straßengeschehen wieder: Jugendliche treffen sich, kommen und gehen. Beat Streuli lenkt den Fokus auf das scheinbar Unscheinbare, auf alltäglich zu beobachtende Situationen und Verhaltensweisen. Nina Könnemann hält Szenen einer Silvesternacht an der Hafenpromenade von Blackpool, England, fest: Nach den Feiern machen sich die meist angetrunkenen Frauen in Partyoutfit auf die Suche nach einem Taxi. Die Szenen und Verhaltensweisen sind jedem aus Beobachtungen oder persönlicher Erfahrung bekannt.

Medien- und Videowelt

In „Live from Neverland“ verwendet Paul Pfeiffer eine Sequenz aus der Stellungnahme von Michael Jackson zu den Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs. Auf einem kleinen Monitor kann man Michael Jacksons Ansprache ohne Ton verfolgen. Auf einer großen Leinwand sagt ein Chor dieselbe Rede parallel zu Jacksons Lippenbewegungen im Sprechgesang auf. Die Glaubwürdigkeit von Jacksons Ansprache wird durch diese Übertragung ins Überdimensionale zur Diskussion gestellt: „Indem man sich auf das Grundlegende beschränkt, ermöglicht man es dem Betrachter, sich auf die Manipulation zu konzentrieren, die stattgefunden hat. Die Manipulation wird gewissermaßen zum Sujet des Werks.“ (Paul Pfeiffer)

Ryan Trecartins „Valentine’s Day Girl“ beleuchtet den Hype, den es bei Jugendlichen um den Valentinstag gibt: Eine junge Frau hat sich ganz der Konsumwelt, die für den Valentinstag angeboten wird, verschrieben und sich und ihre Wohnung mit Herzen, Luftballons, Glitter und Lametta dekoriert. Man spürt ihre emotionale Verbindung zu dieser selbst geschaffenen Welt.

In öffentlichen Spielhallen filmt Andrea Bowers Jugendliche beim Videospiel Dance Dance Revolution. Die Jugendlichen sind junge US-amerikanische Zuwanderer in erster Generation. Auch Cao Fei und Mark Leckey bewegen sich in die Computerspiele- und Tanzvideowelt. Mark Leckey zeigt in Sequenzen, die an ein Musikvideo erinnern, die Tanzentwicklung von den Northern-Soul-Tänzen der 1970er Jahre bis hin zu den Raves der 1990er Jahre und wie sich mit den Tänzen auch die Verhaltensweisen der Jugendlichen ändern.

„Why I Never Became a Dancer“ ist die zweite Ausstellung der Kooperation zwischen Sammlung Goetz und Haus der Kunst. In den kabinettartigen Räumen des Luftschutzkellers im Haus der Kunst zeigt Ingvild Goetz bis 2014 regelmäßig eine Auswahl aus ihrer Sammlung von Film- und Medienkunst.

Die Werkauswahl wurde von Ingvild Goetz getroffen.
Mit Doug Aitken (i am in you [linear version], 2000), Andrea Bowers (Democracy’s Body – Dance Dance Revolution, 2001), Martin Brand (Station, 2004), Cao Fei (RMB City Opera, 2010). Rineke Dijkstra (The Buzzclub, Liverpool, UK / Mysteryworld, Zaandam, NL, 1996/97), Tracey Emin (Why I Never Became a Dancer, 1995), Nina Könnemann (Pleasure Beach, 2001), Mark Leckey (Fiorucci Made me Hardcore, 1999 / LondonAtella, 2002), Paul Pfeiffer (Live from Neverland, 2006), Beat Streuli (Allen Street II 5-29-94, 1994), Ryan Trecartin (Valentine’s Day Girl, 2001), Rosemarie Trockel (Yvonne, 1997), Gillian Wearing (10 – 16, 1997), Tobias Zielony (Behind the Block, 2004)
Ein Katalog erscheint im Verlag Hatje Cantz; hrsg. von Ingvild Goetz, Susanne Touw und Stephan Urbaschek; mit Texten von Ingvild Goetz, Cornelia Gockel, Anke Hoffmann, Karsten Löckemann, Kevin McGarry, Petra Meyer, Dominikus Müller, Jörn Schafaff, Rainald Schumacher, Birgit Sonna, Dominika Szope und Isabelle Verreet; Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-7757-3154-6.
Pressekontakt: Elena Heitsch und Jacqueline Falk

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