bis 22.1.12! Ellsworth Kelly

7.10.11-22.1.12 Ellsworth Kelly. Schwarz und Weiß Haus der Kunst

Die Ausstellung konzentriert sich ausschließlich auf das Werk in Schwarz und Weiß. Ellsworth Kelly (geb. 1923 in Newburgh, New York) hat eine neu gefundene formale Lösung regelmäßig auch durch eine Ausführung in Schwarz und Weiß geprüft. Meistens wurden diese Versionen in Schwarz und Weiß parallel zu den farbigen Fassungen verwirklicht; manchmal griffen sie ihnen auch vor. Die Gemälde in Schwarz und Weiß machen nach Aussage von Ellsworth Kelly etwa 20 Prozent seines gesamten Œuvres aus; ihr Anteil am Gesamtwerk ist höher als der jeder anderen zweifarbigen Kombination. Bisher sind sie nie in einer Ausstellung zusammengeführt worden, obwohl der Künstler diese Art von Retrospektive seit den 1990er-Jahren anregt.

Seit Beginn seines Schaffens beschäftigt sich Ellsworth Kelly mit in der Realität gefundenen Grundformen. Dabei regen die äußeren Merkmale eines Gegenstandes seine Wahrnehmung an. Ihn interessieren Schatten und die Beschaffenheit von Oberflächen, isoliert von ihrem Zusammenhang. Bei der Umsetzung seiner Bildideen in Schwarz und Weiß – als Entsprechung für Dunkel und Hell – kann sich Ellsworth Kelly ausschließlich auf Form und Profil konzentrieren. Die Ablenkung durch die emotionalen Werte der Farben entfällt.

Ellsworth Kellys Verwendung dieser Formen kreist um ein zentrales Thema: wie entscheidend sich die Wahrnehmung von Masse und Volumen, von Figur und Grund, von Leinwand und ihrem Bezug zum Raum ändert, je nachdem ob Schwarz über Weiß erscheint oder Weiß Schwarz durchtrennt.

Ellsworth Kelly reduziert ein Objekt, das seine Aufmerksamkeit fesselt, in der Regel aufs Zweidimensionale: einen gläsernen Windfang, den Terrassenboden eines Pariser Straßencafés, den Schatten eines Geländers auf einem Treppenaufgang. Sein Blick durchdringt diese Gegenstände, d.h. er dringt zu ihrem Wesen vor, indem er sie aus ihrem räumlichen Zusammenhang löst. Ellsworth Kelly isoliert und kopiert, ohne etwas zu verändern oder hinzuzufügen. Er nimmt voller Absicht nicht zu erfundenen Linien Zuflucht und ist dadurch frei von jeder Notwendigkeit, etwas zu komponieren: „Die Dinge, die mich interessieren, waren immer da.“

So erfährt ein Bruchstück von Alltagswirklichkeit, das er in einfachste, einprägsamste Formen umsetzt, die Wandlung in ein Zeichen, das spirituell aufgefasst werden kann. Der Kanon von Formen, den Ellsworth Kelly im Laufe der Jahrzehnte geschaffen hat, ist so zurückgenommen wie elegant und hält die Balance zwischen Monumentalität und Zerbrechlichkeit.

Ein zur Ikone gewordenes Beispiel für sein Vorgehen stammt aus dem Jahr 1949, „Window. Museum of Modern Art Paris“. Motivgebend für dieses Relief war ein Hochkantfenster des Museums. Ellsworth Kelly vermaß dessen Scheiben, ließ von einem Schreiner Holzrepliken des Rahmens fertigen und bemalte sie. Die untere der beiden Tafeln, aus denen sich „Window. Museum of Modern Art Paris“ zusammensetzt, ist gegenüber der oberen zurückgesetzt. Überdies werfen Rahmen und Fensterpfosten reale Schatten. Auf ähnliche Weise gibt ihm ein Jahr später, als er den Sommer in Meschers-sur-Gironde an der französischen Atlantikküste verbringt, der Schatten des Geländers auf der weißen Treppe zu seinem Zimmer die Idee für die Serie „La Combe“. Die Ausführung in Schwarz und Weiß ist eine spanische Wand aus neun Tafeln. In ihren weißen Grund ragen von oben schwarze Bruchstücke von Diagonalen hinein.

Über die Quelle seiner Motive hat Ellsworth Kelly lange geschwiegen. Vermutlich hatte er Zweifel, ob man seine Gemälde als allein von Alltagsobjekten inspiriert verstehen und seine Nähe zur gegenständlichen Abstraktion überbewerten würde. Damals klaffte zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei ein ideologischer Abgrund. Er selbst gab an, dass der Stil von Mondrian und dessen Programm der Neutralität, die kein Gewicht auf Textur oder Pinselstrich legt, die Aura der Form von Constantin Brancusi, sowie Picasso bedeutend für seine künstlerische Entwicklung waren.

Viele Jahre später hat Ellsworth Kelly sein Vorgehen bezüglich der Offenlegung seiner Fundstellen geändert. Bei einem Aufenthalt in Paris 1967 fotografiert er das Fenster, das ihm die Bildfindung für „Window. Museum of Modern Art Paris“ eingegeben hatte, und enthüllt so nachträglich dessen Ursprung. Anlass war, dass er der Zuordnung seiner Werke zum Minimalismus etwas entgegensetzen wollte.

Der Kosmos seiner schwarzen und weißen Werke ist in der Ausstellung um eine prägnante Auswahl von Zeichnungen und Collagen sowie Fotografien erweitert. Bei seinen Zeichnungen und Collagen skizziert Ellsworth Kelly Bildideen, die er manchmal erst Jahrzehnte später ausführt. Die Fotografien dokumentieren die ursprüngliche Impression, die sich zu einer Wahrnehmung gefestigt hat: eine zerbrochene Glasscheibe, ein bis in die Wiese hinabreichendes Hausdach, die sanfte Erhebung eines verschneiten Hügels, die Spiegelung der Sonne auf einem gewellten Dach, der harte diagonale Schatten einer Garageneinfahrt. In ihrer Funktion als Erinnerungsstütze sind sie den Gemälden nachgeordnet und zeugen doch von der Suche nach ähnlichen Phänomenen.

>>> Der Katalog mit Beiträgen von Jörg Daur, Carter Foster, Alexander Klar und Ulrich Wilmes erscheint bei Hatje Cantz; ca. 200 Seiten, ca. 70 Abb., ISBN 978-3-7757-3167-6.
Die Ausstellung ist vom 1. März bis 24. Juni 2012 im Museum Wiesbaden zu sehen, wo Ellsworth Kelly zur Eröffnung mit dem Jawlensky-Preis ausgezeichnet wird.
Vom 7. Oktober 2011 bis 8. Januar 2012 zeigt die Pinakothek der Moderne die Ausstellung „Ellsworth Kelly – Plant Drawings“.
Mit freundlicher Unterstützung der Dr. Karl Wamsler Foundation
Medienpartner ist die Tageszeitung DIE WELT. Am 6. Oktober erscheint eine vollständig von Ellsworth Kelly gestaltete Ausgabe. Trotz aktueller Berichterstattung wird diese kein einziges Foto enthalten, sondern stattdessen einen von Ellsworth Kelly speziell für diese Ausgabe komponierten Werkzyklus. Während in München seine schwarz-weißen Arbeiten und Pflanzen-Zeichnungen gezeigt werden, präsentiert sich Kelly in DIE WELT als Meister der Farbe.

Pressekontakt Elena Heitsch und Jacqueline Falk

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