Kuba: Die Altstadt von Havanna

Marco Antonio Martinez Cabrerizo

Die Altstadt von Havanna – ein Weltkulturerbe in jeder Hinsicht

Die Bevölkerung der Altstadt von Havanna, einem Stadtteil der Hauptstadt von Kuba, ist durch ein eigenwilliges, faszinierend lustiges Gemisch geprägt. Dies zeigt sich unter anderem in der Vielfalt von Rassen – mit teils rätselhaften Ursprungsanteilen –, die sich in den kontrastreichen Kulissen der Baustile mit der einzigartiger Mischung ihrer Musikstile ebenso virtuos zurecht finden wie mit den unzähligen Spracheigentümlichkeiten. Denn für die Einheimischen sind wechselnde Quartier- und Straßennamen und unterschiedliche Benennungen von Objekten und Gütern des täglichen Gebrauchs nichts weiter als undefinierbare Resultate einer fort dauernden, dynamischen Kulturevolution. Die sprichwörtliche Gastfreundschaft und die Liebenswürdigkeit, mit der sie (fast!) jedem begegnen, machen aus diesen Menschen auf ganz natürliche Weise die besten Touristikfachleute der Karibik.

Ursprünglich stammen die meisten von ihnen aus Ost-, Zentral- und dem extremen Westkuba, sind also irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten in die Altstadt von Havanna zugewandert. Ihre Lebenstüchtigkeit gipfelt im Stolz darüber, dass sie sich in diesem brodelnden Völkertiegel, der in stetem Wandel begriffen ist, bis hier und heute behaupten konnten. Daher kommt wohl auch die Triebfeder der allgegenwärtigen, elektrisierenden und notwendigen Betriebsamkeit der Altstadt.

Beim beschaulichen Gang auf den schmalen Trottoirs verschwinden nach und nach jegliche Zweifel darüber, was der einheimische Historiker Dr Eusebio Leal Spengler und seine Mitarbeiter Großartiges zur Erhaltung von „Habana vieja“ geleistet haben, so dass die Altstadt bis heute die „Alte Stadt“ geblieben ist. Mit seinem populären Fernsehprogramm „Quer durch Havanna…“ und Lehrkampagnen aus dem Sendestudio dokumentiert und bewirbt er die Erhaltung des geschichtlichen, architektonischen und ethischen Erbes unserer Insel. Dieselben Spezialisten haben ihren Einfluss auf die Fremdenverkehrsinformationen geltend gemacht. Die absolute Krönung ihrer jahrzehntelangen Anstrengungen war die Anerkennung von „Habena vieja“ als Weltkulturerbe durch die UNESCO.

Sehr schöne Stilwohnungen säumen die Gassen. Mauerrisse in allen Varianten lassen aber den Zahn der Zeit deutlich erkennen. Abfall- und Schmutzhaufen mitten auf der Strasse reißen den Betrachter unweigerlich aus seinen Tagträumen über das Verbleichen von vergangener Schönheit zurück in die eher prosaische Gegenwart.

Emsig kommen und gehen die farbenfroh gekleideten Einwohner. Ihre Bekleidung spricht für den Eingeweihten eine leicht interpretierbare Sprache, lässt sie doch Dank dem Traditionsbewusstsein ihrer Träger Schlüsse auf deren Herkunft, ihren Beruf, ihre Rasse, ja ihre Klasse und vieles mehr zu.

An den Außenmauern der Wohnungen haften Verkaufsangebote für hausgemachte Kroketten, Erfrischungsgetränke, Brot, Schinken und eine Vielfalt von Süßigkeiten. Alles gegen Pesos erhältlich. Ein paar mutige Anbieter geben allerdings „durch die Blume“ zu verstehen, dass sich bei Bezahlung mit US-$ ganz andere Möglichkeiten, sprich: bessere Qualität und verhandelbare Preise auftun. In Erstaunen versetzen immer wieder die vielen kunstvollen Wandsprüche und Spraygemälde, mit denen die Altstadtbewohner ihren Überzeugungen Ausdruck verleihen: „Yankees raus aus Irak!“, „Es lebe Fidel!“, „Hier ergibt sich niemand!“ oder „Es lebe die Revolution!“ Hoch im Kurs steht gegenwärtig an allen Ecken „Freiheit für die 5 Helden, unsere Gefangenen der Imperialisten!“ Es handle sich dabei um fünf kubanische Antiterror-Spezialisten, die ungerechterweise durch ein Yankee-Gericht in Miami verurteilt wurden, erklärt mir eine betagte Dame.

„Sehen Sie“ fährt sie weiter, „das Volk achtet diese Burschen, ja es liebt sie, wie ihre eigenen Söhne. Es gibt keinen ehrlichen Kubaner, der sie nicht bewundert und ihre Namen nicht kennt. Sie verhindern auf verschiedenste Art, dass in Touristenzentren und Hotels Bomben gelegt werden. Hier ganz in der Nähe steht „La Bodeguita del Medio“, ein Bar mit internationalem Ruf. Dort explodierte eine Bombe. Das Lokal ist immer prall voll. Ich komme da immer vorbei wenn ich zur Messe in die Kathedrale gehe. Die Bombe hätte mich und zahlreiche andere auch verletzen oder töten können.

Sprüche an Wände, Fenster und Mauern zu zaubern ist freiwillig. Die Leute haben damit die Freiheit zu zeigen, was sie denken! Was sie sonst noch hören, sind höchstens Floskeln, denen zu Folge die „yumas“ (= die verdammten Ausländer, vor allem die Amerikaner) wenn möglich in die Luft gesprengt werden sollten! Glauben Sie mir, ich bin 68-jährig, gläubig und lebe hier seit 40 Jahren zufrieden. Seit meinem 13. Lebensjahr habe ich hart gearbeitet, aber jetzt geht es mir als glückliche Alte gut.“

Ich will mich zum Weitergehen verabschieden, doch ohne zu zögern nimmt mich „die glückliche Alte“ in die Arme und küsst mich schallend, als ob wir uns zeitlebens gekannt hätten und fügt hinzu: „…1959 beim Triumph der Revolution war ich noch Analphabetin. Ich bin keine Kommunistin oder sonst was geworden. Ich bin lediglich eine „Fidelistin“ – mit einem Fuß auf der Erde und mit dem andern im Himmel!“

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