Vögeln für Vaterland

Westend, Herrnkind, Vögeln fürs Vaterland?1.3.2017 Westend Verlag
Kerstin Herrnkind

VÖGELN FÜRS VATERLAND? 

NEIN DANKE!

BEKENNTNISSE EINER KINDERLOSEN

205 S., € 18,–. ISBN 978-3-86489-171-7. Rezension: Ursula Süß-Loof, M.A.

Kinderlose – Die neuen Sündenböcke der Nation
Neue Sündenböcke braucht das Land. Und – Heureka – hier sind sie: Die Kinderlosen. Sie werden als ‚Sozialschmarotzer‘ beschimpft und für den drohenden Untergang Deutschlands verantwortlich gemacht. Politiker und Experten wollen ihnen die Rente streitig machen, sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligen und ihr Wahlrecht schmälern. Die Hatz auf Kinderlose hat einen simplen Grund: Deutschland leistet sich ein Rentensystem, das auf Neubürger angewiesen ist. Doch anstatt diesen Fehler zu korrigieren, greifen Politiker Kinderlose an. Doch diese Hatz spaltet die Gesellschaft.

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle? Ich bin eine ‚Sozialschmarotzerin'“. So beginnt die Stern-Reporterin und Buchautorin – selbst bekennende Kinderlose – ihr Buch mit dem etwas provokanten Titel. Um gleich fortzufahren mit der Aufzählung von harten Fakten ihres Arbeitslebens, die den Vorwurf, es sich im Sozialsystem auf Kosten Anderer bequem zu machen, ad absurdum führen: „Meine Arbeitswoche hat in der Regel mehr als 40 Stunden. Fast die Hälfte meines Gehaltes überlasse ich dem Staat an Steuern. Selbstredend füttere ich auch die Rentenkasse mit Höchstsätzen. Die Pflegeversicherung kriegt von mir einen Extrazuschlag. Und als freiwilliges Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung zahle ich jeden Monat ein paar hundert Euro.“ 

Da steht sie für die Mehrzahl der Kinderlosen, die ebenfalls in Vollzeit arbeiten, Steuern, Renten- und hohe Sozialabgaben zahlen und dennoch wird sie – wie viele andere auch – als egoistisch, unsozial, gar schamlos beschimpft. Warum? Sie hat diesem Land kein Kind geschenkt.

Die Debatte, Kinderlose in Zukunft verstärkt zur Kasse zu bitten, ist derzeit wieder in vollem Gange. Und dieses Buch aktueller denn je. Nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sollen Kinderlose deutlich mehr in die Pflege- und Rentenversicherung einzahlen als Eltern. Über den bereits geltenden erhöhten Beitrag zur Pflegeversicherung hinaus.

Mit seinen Forderungen ist er dabei in guter Gesellschaft. Kerstin Herrnkind liefert viele Beispiele öffentlicher Personen ähnlicher Couleur aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, – nicht zuletzt der Kirchen. Die sich alle dafür stark machen, was so weit geht, Kinderlosen sogar verfassungsmäßig verankerte Rechte wie das auf Rente, Wahlrecht und Berufsfreiheit zu schmälern oder ganz abzusprechen. Auch, dass es sich bei der Entscheidung für oder gegen Kinder um ein verbrieftes Menschenrecht handelt, beschlossen auf der UN-Menschenrechtskonferenz 1968, zählt da nicht.

Interessanterweise, so zeigt sie auf, bekleiden die, die sich da laut zu Wort melden, meist Ämter, die ihnen eine luxuriöse Altersversorgung garantieren, von denen normale Arbeitnehmer nur träumen können. Und dies ohne selbst Beiträge dafür leisten zu müssen. Ungeniert verfügen sie über das Geld anderer Leute, indem sie deren Lebensarbeitszeit verlängern, Renten senken und die Beiträge erhöhen.

Gleichzeitig plündern Politiker die Rentenkasse für Dinge, für die eigentlich alle Steuerzahler aufkommen müssten, etwa die Wiedervereinigung oder die Angleichung der Renten in Ost und West.

Kerstin Herrnkind stellt in ihrem ausgezeichnet recherchierten und faktenreichen Buch klar, was in Deutschland schiefläuft – für Frauen ohne Kinder ebenso wie für Mütter. Schonungslos rechnet sie mit der Diskriminierung Kinderloser ab, wofür in erster Linie das Rentensystem verantwortlich ist. Denn der ‚Generationenvertrag‘ funktioniere wie ein Schneeballsystem: Es spekuliert mit dem Geld von Menschen, die noch gar nicht da sind. Aber anstatt diesen Jahrzehnte alten Rechenfehler zu korrigieren und eine solidarische Rentenversicherung zu schaffen, in die alle arbeitenden Menschen einzahlen, werden Kinderlose zu Sündenböcken gemacht.

Zudem nennt sie die Kritik an Kinderlosen eine ausgesprochen frauenfeindliche Debatte. Sie hat für dieses Buch mit vielen Frauen gesprochen, und da sie selbst zu ihnen gehört, kennt sie die Diskriminierung Kinderloser aus eigener Erfahrung. „Ob man Kinder hat oder nicht, ist in diesem Land keine Privatsache mehr. Es ist zum Politikum geworden. Kinderlose müssen sich rechtfertigen. Kinderlose wie ich und Eltern werden in diesem Land systematisch gegeneinander ausgespielt.“

Sie selbst ist überzeugte Anhängerin des Solidarprinzips. Entsprechend enthält ihr Buch nichts, was sich gegen Mütter, Väter oder Kinder richtet. Und sie plädiert dafür, gemeinsam für ein gerechteres Land zu streiten. „Es muss in diesem Land möglich sein, sich für Kinder zu entscheiden, ohne seine Existenz aufs Spiel zu setzen. Es muss in diesem Land für Eltern leichter werden, Familie und Beruf zu vereinbaren. Für Mütter. Und Väter. Es muss möglich sein, kinderlos zu bleiben, ohne sich zu rechtfertigen. – oder gar elementarer Grundrechte beraubt zu werden.“

So sollte es sein. Kaum zu glauben, wie weit wir davon entfernt sind, wie dieses sehr informative und wichtige Buch zeigt.

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